LZ-Serie „Lieblingsorte“ : Von Wanderdünen und einem goldenen Ritter

Schwimmen mit Blick auf den Kanal: Claus Bartelsen vor dem Freibad, das durch den Bau des Kanaltunnels entstand.
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Schwimmen mit Blick auf den Kanal: Claus Bartelsen vor dem Freibad, das durch den Bau des Kanaltunnels entstand.

     In der LZ-Serie „Lieblingsorte – Lieblingsplätze“ stellen bekannte Bewohner ihr Dorf aus einer ganz persönlichen Sicht vor. Dorfchronist Claus Bartelsen nimmt die Leser mit auf einen Rundgang durch Westerrönfeld.

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26. Juni 2014, 06:00 Uhr

Was verbindet Menschen mit dem Ort, in dem sie leben? Welche Erinnerungen werden wach? Und an welche Lieblingsplätze kehren sie gern zurück? Mit Persönlichkeiten aus Rendsburg, Büdelsdorf, Fockbek, Schacht-Audorf, Osterrönfeld und Westerrönfeld unternahmen wir einen Spaziergang durch ihre Gemeinde. Im vierten Teil stellt Claus Bartelsen Westerrönfeld vor.

Endlose Staus und Stress – das haben viele Menschen in den vergangenen Monaten mit Westerrönfeld verbunden. Sie kennen den Ort am Nord-Ostsee-Kanal vermutlich nur von der Durchreise. Doch dabei hat das fast 5000 Einwohner große Dorf so Vieles zu bieten. Im Ort schlummern unbekannte Schätze und sagenumwobene Geschichten. Wer hätte etwa Wanderdünen oder einen goldenen Ritter in Westerrönfeld vermutet?

Um tief in die Dorfgeschichte einzutauchen, ist Claus Detlev Bartelsen genau der Richtige. Der pensionierte Kriminalbeamte ist Westerrönfelder mit Leib und Seele. „Der ganze Ort ist für mich der schönste in Schleswig-Holstein. Ich habe zeitlebens hier gewohnt.“ 2005 brachte er die Dorfchronik heraus. Kein anderer kennt sich also so gut mit der Geschichte und den Geschichten Westerrönfelds aus wie er. Spricht man ihn auf seine Kindheit an, fallen im sofort unzählige Erzählungen ein, die eng mit der Entwicklung des Dorfes verknüpft sind.

„Die Grundschule habe ich hier besucht, aber dann musste ich nach Rendsburg und hatte mit der Drehbrücke über den Kanal zu kämpfen“, erinnert sich Bartelsen. Manchmal musste er 45 Minuten bis zur Überquerung warten – als Entschuldigung bei den Lehrern zählte das jedoch nicht. Die Brücke wurde 1964 abgerissen und durch den Fußgängertunnel ersetzt. Brücke und Tunnel können als ein Symbol für den Ort gesehen werden, denn Westerrönfelds jüngste Geschichte ist eng mit Teilung und Überbrückung verbunden. „Der Nord-Ostsee-Kanal wurde mitten durch die Siedlung gebaut“, erzählt Bartelsen mit Blick über den Kanal, wo der kleine Dorfrundgang beginnt. Damals lagen Gerhardshain und Hohe Luft innerhalb der Westerrönfelder Gemeindegrenze. „Das ganze Gebiet bis zur Eider gehörte zu uns.“ 1928 habe sich Rendsburg das Gebiet einverleibt. „Das man Rendsburg-Süd gegen den Gerhardshain hätte tauschen können, da ist man zu spät drauf gekommen. Noch heute rauft man sich die Haare im Rathaus darüber.“ Die Teilung durch den Kanal war aber nicht die einzige: „Westerrönfeld ist zweimal durchschnitten worden.“ Nach dem Kanal kam 1961 der Fahrzeugtunnel.

So kurios es klingen mag, der Tunnelbau brachte für das Dorf auch etwas Gutes: das vermutlich einzige Freibad, in dem man gleichzeitig im Wasser schwimmt und auf die großen Pötte im Kanal blickt. Der Badeteich ist ein Relikt des Tunnelbaus. Er war die Baugrube für das Mittelstück des Kanaltunnels. „Das Bad ist sehr beliebt und wir sind froh, dass wir es haben.“

Spazieren gehen und Radfahren am Kanal sind Bartelsens liebste Freizeitbeschäftigungen. „Ich wandere gern auf dem Ochsenweg Richtung Schülp.“ Wenn er nicht auf seinen zwei Beinen unterwegs ist, dann auf zwei Rädern. „Ich unternehme ausgedehnte Fahrradtouren nach Kiel. Der Weg am Kanal ist wunderschön. Woanders zahlt man Kurtaxe, aber hier ist alles kostenlos.“ Und die Schiffe auf dem Kanal verlieren auch für Einheimische nicht ihren Reiz. Außerdem ist der ehemalige Handballer Stammgast bei der ersten Mannschaft der HSG Schülp Westerrönfeld Rendsburg. „Ich verpasse kein Heimspiel in der Heidesandhalle“, verrät er.

Heide ist ein gutes Stichwort für die nächste Station des kleinen Dorfrundgangs. Versteckt zwischen Häusern an der „Hermann-Löns-Straße“ und „Över de Heid“ liegen, durch einen kleinen unscheinbaren Weg zu erreichen, die Reste eines Heidegebiets. „Früher gab es hier sogar Wanderdünen und wenn man sich umblickte, sah man bis zum Horizont nur Heide.“ Die Wanderdünen sind mittlerweile durch Strandhafer bepflanzt und befestigt worden; die Heide ist größtenteils Häusern gewichen. Aber eins hat sich nicht geändert: Die Westerrönfelder Kinder haben damals wie heute das Gebiet zu ihrem persönlichen Freiluftspielplatz auserkoren.

Die nächste Station sind die Reste eines Berges oder vielmehr eines Hügels. Allerdings hauste hier ein ganz besonderer Bewohner. „Es geht die Sage im Ort, dass ein Ritter mit einer goldenen Rüstung im Berg schläft und alle 100 Jahre in einer Vollmondnacht herauskommt“, erinnert sich Bartelsen, der die Geschichte von seiner Großmutter erzählt bekam. Der Ritter stand in dieser Nacht nun auf dem Hügel und wer vorbeikam und ihn ansprach, bekam den Reichtum des Ritters geschenkt. Als der Berg 1993 wegen eines Häuserbaus teilweise abgetragen wurde, konnte man einen Blick in das Innere werfen: Der Ritter war nicht mehr da. Er musste wohl schon ausgezogen sein. Auf seinem ehemaligen Wohnort erinnert jedoch heute noch ein Gedenkstein an ihn.

Auf dem Rückweg zu Bartelsens Wohnung liegt die letzte Station des Rundgangs. Vor der Gemeindeverwaltung steht der Gedenkstein „Flucht und Vertreibung“. Der Sandsteinfindling wurde 2005 vom Steinmetz Harri Marggraff gestiftet. Der gebürtige Stettiner wollte so den Leidensweg der Flüchtlinge aus dem Osten und die Eingliederung in ihre neue Heimat für die Nachwelt festhalten.

Apropos Heimat: Der goldene Ritter hat nach seinem Auszug aus dem Hügel bestimmt eine neues Zuhause in Westerrönfeld gefunden. Es lohnt sich also, bei einem Besuch im Ort die Augen offen zu halten.

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