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Flüchtlinge in Rendsburg : Von der Angst in die Ungewissheit

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Für sechs Männer aus Afghanistan ist Rendsburg das neue Zuhause – vorläufig. Die LZ traf sie vor einem Supermarkt im Stadtnorden.

shz.de von
erstellt am 05.Sep.2015 | 06:00 Uhr

„No foto, please.“ Freundlich, aber vorsichtig reagieren die meisten Flüchtlinge, denen man mittlerweile überall in der Stadt begegnet. Verständlich. Viele von ihnen kommen aus Syrien, Irak oder Afghanistan: Kriegsgebiete oder solche, bei denen es schwer fällt, den Unterschied auszumachen. Dort lernt man, vorsichtig zu sein – erst recht Fremden gegenüber.

Bei einer Gruppe sechs junger Afghanen, auf ihrem Weg vom Flüchtlingscamp an der Büsumer Straße zum nächstgelegenen Supermarkt, ist es anders. Ungeachtet der Sprachbarriere begegnen sie dem Reporter aufgeschlossen, sind freundlich, zuvorkommend, lachen viel. Zwei von ihnen leben nicht im Camp. Sie sind seit einer Woche in einem Haus für Flüchtlinge untergekommen. Die anderen sind vor mehr als vier Monaten zusammen aus der Heimat aufgebrochen, haben ihre Familien zurückgelassen. Mit dem Bus bis in die Türkei, von dort mit dem Boot nach Griechenland. Den weiteren Weg durch Mazedonien, Serbien und Ungarn zu Fuß, zwei Monate lang, meist durch dichte Wälder, als einzige Gewissheit die ständige Angst. „In Ungarn auf einen Zug nach Österreich zu kommen, war nicht leicht“, erklärt Taher Golamali in gebrochenem Englisch. Dann eine Woche in München, zwei Wochen Hamburg, zwei Wochen Neumünster und schließlich seit zwei Wochen im Camp in Rendsburg, zählt Taher auf und lächelt unter seinem schwarzen Cappy, froh darüber, angekommen zu sein.

Im Camp sei es okay, sagen sie. Sie spielen dort viel Fußball, zusammen mit den anderen Flüchtlingen aus Syrien oder Irak. „Wir sind sehr gut“, sagt Taher. Außer den Flüchtlingen spreche niemand im Camp Persisch. Sie würden gern Deutsch lernen, aber die Möglichkeit dafür gab es bisher nicht. Daher könnten sie niemandem sagen, wenn sie etwas brauchen. Etwa Bustickets, um die vier Kilometer in die Stadt zu fahren. So gehen sie zu Fuß. Sie sind es ja gewohnt. Sie schauen sich gern die Innenstadt und den Kanal an. Rendsburg gefällt ihnen. „Beautiful. Very nice“, sagen sie.

In den Supermarkt kommen sie jeden Tag, immer zu sechst. Am längsten stehen sie vor den Regalen mit Softdrinks, überlegen, welche Energy-Drinks sie kaufen sollen, tippen auf ihren Smartphones, machen Scherze, schauen sich um. „So große Läden wie hier gibt es in Afghanistan nicht“, sagt Hassan. Dort seien die Geschäfte alle ganz klein. Mit den 28 Euro, die sie jede Woche bekommen, kaufen sie Energy-Drinks, Chips, Tabak und Sim-Karten. „Im Camp gibt es kein Wlan“, sagt Hassan Ahmadi. Aber auch mit aufgeladener Handykarte: Ihre Familien in der Heimat können sie nicht anrufen. „Kein Telefon“, sagt Hassan. Und Internet schon gar nicht. Hassan hat eine Frau und drei Kinder in Afghanistan: ein, zwei und sieben Jahre alt. Er hofft, dass er sie nach Deutschland nachholen kann. Wenn die sechs Freunde von der Heimat reden, werden sie ruhig. „Wir sind jetzt eine Familie“, sagen Hassan und die anderen. Themawechsel: Was habt Ihr in Afghanistan gearbeitet? „In Afghanistan ist Krieg. Es gibt keine Arbeit“, sagt Hassan, lächelt und bietet einen Energy-Drink an.

Wie es mit ihnen weitergehen wird, wissen die sechs Freunde nicht. Sie würden gern in Deutschland bleiben. „Fußball spielen“, sagt Taher. „Wir sind sehr gut.“

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