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Landeszeitung

20. September 2017 | 00:45 Uhr

Vom eigenen Hausarzt abgewiesen

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Ein Schwerstbehinderter aus Nortorf ist den Medizinern der Region zu teuer / Seniorenrat und Ärztekammer beklagen Versorgungslücke

von
erstellt am 14.Apr.2014 | 11:34 Uhr

Sie fühle sich hilflos und schäbig, sagt Angela Zusann aus Nortorf. Nachdem ihr schwerstbehinderter Vater Gerd Ullrich im März nach rund acht Wochen aus dem Krankenhaus entlassen wurde, wollte keiner der Nortorfer Ärzte die weitere medizinische Versorgung übernehmen. Vom eigenen Hausarzt wurde sie sogar mit der Begründung, die Behandlung sei zu teuer, der Praxis verwiesen.

„Ich habe rund eineinhalb Stunden im Wartezimmer auf den Arzt gewartet. Als alle anderen Patienten bereits weg waren, sagte mir der Arzt beiläufig, dass er meinem Vater keine Rezepte ausstellt“, schildert Angela Zusann die Umstände. „Ohne sich überhaupt an einen Tisch mit mir zu setzen. Die Behandlung meines Vaters sei ihm schlichtweg zu teuer.“ Empört über das Verhalten des jahrelangen Hausarztes klapperte die 50-Jährige alle weiteren Allgemeinmediziner in Nortorf ab. Das Ergebnis sei dabei überall das Gleiche. „Ich habe jeden Arzt angerufen. Alle haben mir gesagt, dass sie aufgrund eines Patientenstopps keine weiteren Fälle aufnehmen.“

Als sie eine Woche lang ohne Erfolg versuchte, die verschreibungspflichtigen Medikamente für ihren Vater zu besorgen, rief sie bei der Ärztlichen Vereinigung an. Diese gab ihr den Tipp, den Notarzt zu rufen, da es Freitag war und die Ärzte bereits alle geschlossen hatten. Der aus Bordesholm kommende Notarzt versprach, bei seinen Nortorfer Kollegen ein gutes Wort einzulegen und um Aufnahme des Patienten zu bitten, doch auch das blieb erfolglos, berichtet Zusann. „Letztendlich wurden wir nur auf andauernden Druck angenommen“, schildert die Nortorferin, „aber wohl fühlt man sich nicht, wenn man weiß, dass man eigentlich unerwünscht ist.“

Dabei ist ihr Vater kein Unbekannter in Nortorf. Gerd Ullrich war unter anderem jahrelang ehrenamtlich im Sozialverband tätig. Hat Menschen beraten, ihnen in schweren Lebenssituationen geholfen. Dass dem 73-Jährigen jetzt so gedankt werde, stimmt seine Tochter traurig. „Es ist erschreckend, dass die ärztliche Versorgung hier nicht gewährleistet ist und man sich sogar dafür schämen muss, dass man einen Schwerstbehinderten pflegen muss.“ Auf die Frage, wie es der 50-Jährigen geht, kommt die knappe Antwort: „Mir geht es beschissen.“ Sie habe sich mehrfach dafür entschuldigen müssen, dass ihr Vater schwerstbehindert ist.

Dabei, so Angela Zusann, müsse man sich in der Stadt nur einmal genauer umsehen. Die Zahl derer, die beispielsweise im Rollstuhl sitzen, nehme zu. Auch das durchschnittliche Alter der Patienten steige stetig. Jutta Kock, Vorsitzende des Seniorenrates der Stadt Nortorf, gibt zu, dass das Thema ärztliche Versorgung im Seniorenrat ein „Dauerbrenner“ ist. Etliche Anträge an das Parlament seien bereits gestellt worden. Vor allem der Mangel an Fachkräften beschäftige den Rat, berichtet Kock. Hinzu komme, dass die öffentlichen Verkehrsmittel in Nortorf nicht ausreichten, um beispielsweise außerhalb des Amtes einen Arzt aufzusuchen.

Wolfgang Scharenberg, Pressesprecher der Ärztekammer Schleswig-Holstein, sagte auf Nachfrage, dass die ärztliche Versorgung auf dem Land generell ein Problem sei. „Gerade dort, wo alteingesessene Ärzte aus Altersgründen ihre Praxis aufgeben, ist es oft schwierig, einen Nachfolger zu finden.“ Im Kreis Rendsburg-Eckernförde gebe es allerdings keinen konkreten Fall, in dem die hausärztliche Versorgung Probleme bereite. Dass ein Arzt einem Patienten direkt ins Gesicht sagt, dass dieser zu teuer sei, habe Scharenberg noch nicht gehört, allerdings betonte er, dass „grundsätzlich ein Arzt nicht verpflichtet ist, einen Patienten aufzunehmen. Aus welchen Gründen auch immer.“



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