Rendsburg: Aktion Medizin erleben : Volkskrankheit Inkontinenz

Hightech gegen Inkontinenz: Chefarzt Dr. Andreas Bannowsky setzt moderne Ultraschallgeräte ein, um den Ursachen der Erkrankung auf die Spur zu kommen.
Hightech gegen Inkontinenz: Chefarzt Dr. Andreas Bannowsky setzt moderne Ultraschallgeräte ein, um den Ursachen der Erkrankung auf die Spur zu kommen.

Aus Scham trauen sich viele Patienten nicht zum Mediziner. Chefarzt Andreas Bannowsky will gegensteuern.

shz.de von
31. August 2018, 10:24 Uhr

Neun Millionen Deutsche leiden an Inkontinenz. Im Kreis Rendsburg-Eckernförde sind es 30 000 Betroffene, die unter Stress, Belastung oder als Folge einer Krankheit unwillkürlich Urin verlieren. Viele Patienten schämen sich dessen und gehen nicht zum Arzt. „Die Dunkelziffer ist hoch“, bestätigt Priv.-Doz. Dr. Andreas Bannowsky, Chefarzt der Urologie an der Rendsburger Imland-Klinik. Dabei lohnt es sich, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, denn die Chance auf Linderung ist groß. Nach einer erfolgreichen Therapie ist sogar ein beschwerdefreies Leben möglich. Darüber spricht Bannowsky am Mittwoch, 5. September, ab 18 Uhr im Hohen Arsenal in Rendsburg. Der Vortrag ist kostenlos. Snacks und Getränke werden gereicht.

Doch bis die Einsicht reift, haben viele Patienten eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Diese ist geprägt von der Furcht, durch plötzlichen und unkalkulierbaren Harndrang in eine peinliche Situation zu geraten. Betroffene entwickeln ein ganzes Spektrum an Vermeidungs- und Hilfsstrategien. Sie tragen dunkle Kleidung, so dass feuchte Flecken nicht auffallen. Sie kennen jede öffentliche Toilette in der Stadt, um einen Anlaufpunkt zu haben. Im gravierendsten Fall der Inkontinenz verlassen die Patienten kaum noch die Wohnung. „Die Lebensqualität wird stark eingeschränkt, bis zur Vereinsamung“, sagt Bannowsky.

Wer diesen Teufelskreis durchbrechen will, sollte ein vertrauensvolles Gespräch mit seinem Hausarzt führen. Dieser entscheidet über das Vorgehen, in den meisten Fällen folgt eine Überweisung zu einem niedergelassenen Urologen. Dieser geht den Ursachen auf den Grund und leitet eine gezielte Therapie ein. In den meisten Fällen kann er wirksam helfen. Erfordert die Therapie jedoch eine fachübergreifende Zusammenarbeit oder sind die Ursachen unklar, ist die Imland-Klinik gefordert. Chefarzt Bannowsky und seine Kollegen arbeiten mit allen anderen Abteilungen des Krankenhauses zusammen. Die Urologen stehen im direkten Austausch etwa mit Chirurgen, Frauenärzten und Neurologen.

Eine Belastungs-Inkontinenz liegt vor, wenn der Patient bei einer körperlichen Anstrengung wie Hüpfen, Springen, Niesen oder Lachen Urin verliert. In einem fortgeschrittenen Stadium kann dies sogar bei einer Bewegung im Schlaf passieren. Die Wirkweise: Durch die Bewegung wird der Bauchinnendruck erhöht. Das wirkt sich schlagartig auf die Blase aus. Die Harnröhre hingegen kann den nötigen Verschlussdruck nicht schnell genug aufbauen. Meist sind es wenige Tropfen Urin, die verloren gehen.

Bei Frauen entwickelt sich eine Belastungs-Inkontinenz häufig als Folge einer Bindegewebsschwäche, bei Männern kann eine Prostataoperation die Ursache sein. Neben ersten konservativen Maßnahmen kann eine Änderung des Lebensstils, beispielsweise der Abbau von möglichem Übergewicht, oftmals schon zu einer Linderung der Inkontinenz führen. Schlägt die Therapie nicht an, werden Medikamente gegeben – letzte Option ist ein chirurgischer Eingriff, bei der beispielsweise der Druck auf den Harnblasenhals beziehungsweise die Harnröhre künstlich erhöht wird, sei es durch Bändchen oder Manschetten.

Als weitaus unangenehmer wird von Patienten eine Drang-Inkontinenz empfunden. Hierbei geht es nicht mehr um wenige Tropfen, die nicht gehalten werden können. Wer an dieser Form der Inkontinenz erkrankt ist, kann sogar eine Komplettentleerung der Blase erleiden. Tumore, Entzündungen oder Blasensteine können die Ursache sein, ebenso eine psychische Belastung.

Der Blasenmuskel reagiert mit Überaktivität. Der Drang tritt massiv und plötzlich auf. Die Patienten müssen bis zu 30 Mal am Tag – dreimal häufiger als normal – eine Toilette aufsuchen, selbst wenn sie mangels Flüssigkeit keinen Urin abgeben können. Bis zu 80 Prozent der Betroffenen kann mit Medikamenten geholfen werden. Anticholinergika nennen sich die Arzneien, die einen übererregbaren Blasenmuskel entspannen, so dass der Harndrang deutlich weniger stark einsetzt. Unangenehm ist die häufigste Nebenwirkung: Mundtrockenheit.

Diese gibt es beim Einsatz von Botulinum Toxin – besser bekannt als Botox – in dieser Form nicht. Allerdings muss der Wirkstoff über die Harnröhre in die Blase injiziert werden. Der Eingriff dauert maximal 20 Minuten, allerdings ist eine Rückenmarksnarkose beziehungsweise eine Vollnarkose erforderlich. Über 90 Prozent der Behandlungen sind erfolgreich. Nachteil: Nach einem Jahr lässt die Wirkung nach, die Prozedur muss wiederholt werden.

Wer ist betroffen?

Frauen sind von Inkontinenz häufiger betroffen als Männer. Bereits jede zehnte Frau zwischen 25 und 39 Jahren leidet darunter. Die Häufigkeit steigt bei Männern und Frauen mit zunehmendem Alter. Während bei den 41- bis 60-Jährigen etwa 9,5 Prozent inkontinent sind, liegt dieser Wert bei den über 60-Jährigen bei 23 Prozent.

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