Owschlag : Vier Wochen Ferien ohne radioaktive Strahlung

Vier, die sich gut verstehen: Oleg (10, von links), Egor (13), Arthur (10) und Artjom (12) auf der Turnstange am Owschlager See.
Vier, die sich gut verstehen: Oleg (10, von links), Egor (13), Arthur (10) und Artjom (12) auf der Turnstange am Owschlager See.

Im Kreis erholen sich derzeit 38 Kinder aus der Nähe Tschernobyls. Vier Jungs sind in Owschlag zu Gast.

shz.de von
21. Juli 2015, 06:00 Uhr

Ausgelassen toben Egor, Artjom, Oleg und Arthur auf dem Spielplatz am Owschlager See. Das Karussell kann gar nicht schnell genug drehen und die Kletterstangen können für Vorwärtsrollen im Sekundentakt gar nicht hoch genug sein. Die Jungs lachen laut und herzlich. Es ist nicht zu übersehen: Sie fühlen sich wohl und genießen den Sommer. Zu Hause können sie das nicht, denn sie kommen aus einem radioaktiv verseuchten Gebiet.

Auf Einladung der „Initiative für Kinder von Tschernobyl“ verbringen die Jungen sowie 34 weitere Kinder aus Weißrussland vier Wochen bei ihren Gastfamilien in Rendsburg und Umgebung. Der zwölfjährige Artjom und der 13-jährige Egor sind bereits zum fünften Mal zu Besuch bei Karin und Frenz Beye in Brekendorf. „Ich war ganz aufgeregt, meine Jungs nach fast einem Jahr wiederzusehen“, berichtet Karin Beye und fährt fort: „Zwischen uns ist über die Jahre eine Vertrautheit entstanden, die ich sehr genieße. Die beiden sind ganz normal bei uns in den Alltag integriert.“ Auch Kerstin Wegert aus Owschlag, die gemeinsam mit ihrem Mann Christof zum dritten Mal Oleg (10) und Arthur (10) zu Gast hat, war voller Vorfreude auf das Wiedersehen. „Wir haben die Jungen wirklich ins Herz geschlossen, und so war es sehr spannend und schön, sie wiederzusehen.“

Auch 29 Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl in der Ukraine ist die Heimat der Kinder nördlich der Unglücksstelle noch radioaktiv belastet. Ärzte konnten nachweisen, dass ein jährlicher vierwöchiger Aufenthalt in einer unbelasteten Umgebung mit gesundem Essen sehr zur Stärkung des Immunsystems beiträgt, so der Verein. Damit noch mehr Kinder in den Genuss von frischer Luft und gesunder Nahrung kommen können, sucht der Verein weitere Gastfamilien. Doch auch Geldspenden werden dringend benötigt für die Busfahrten der Kinder von Weißrussland nach Schleswig-Holstein sowie für ihre Versicherung. Sämtliche Arbeiten sind ehrenamtlich, das Geld wird nur für die Kinder verwendet.

Gerne unternehmen die beiden Gastmütter auch gemeinsame Ausflüge und helfen sich gegenseitig mit der Kinderbetreuung. „Die vier Jungs verstehen sich großartig und beschäftigen sich sehr gut selbst, so dass es genügt, wenn ein Ansprechpartner da ist“, berichtet Beye. Auch die Fahrten zur morgendlichen Betreuung nach Westerrönfeld teilen sich die Frauen. Jeden Vormittag von 8.30 bis 12.30 Uhr treffen sich die Jungen dort mit anderen Kindern aus der Heimat und ihrer weißrussischen Betreuerin zum gemeinsamen Spielen. Auch die Verständigung sei kein Problem. In den Jahren hätten die Kinder schon einige Worte auf Deutsch gelernt, und die Übersetzungsfunktion ihres Smartphones leiste ihr ebenfalls sehr gute Dienste, erzählt Beye. Unterstützung erhalten die beiden Gastmütter von Freunden, Nachbarn und ganz besonders ihren Ehemännern.

Oleg und Arthur haben sich über die Jahre auch mit den Kindern aus der Straße angefreundet. Gerade seien sie ganz stolz mit einer Einladung zu einem Kindergeburtstag nach Hause gekommen. Langeweile gebe es nie mit den Kindern. Wenn keiner zum Spielen da sei, würden sie auch gerne im Garten helfen und sich so ein kleines Taschengeld verdienen. „Es ist so schön zu erleben, wie sehr sie sich über alles freuen können“, schwärmt Wegert. Wenn sie unterwegs sind, grüßen die Jungs selbstverständlich jeden mit einem „Moin“ – sie sind eben ganz zu Hause. Doch bald heißt es wieder Abschied nehmen. Vier Wochen vergehen wie im Flug. „Natürlich sehen wir uns nächstes Jahr wieder“, erklärt Kerstin Wegert. „Die Frage stellt sich gar nicht.“

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