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Letztes Konzert : Vertraute Stücke vom Staub befreit

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Das letzte Konzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals wurde zu einem Fest für den Alleskönner Jörg Widmann. Er zeigte im 1. f-Moll-Klarinettenkonzert Carl Maria von Webers sein Können als Solist, aber auch als Dirigent und inspirierender Orchestererzieher.

shz.de von
erstellt am 25.Aug.2013 | 17:45 Uhr

Treffender als mit „ein Fest für Jörg Widmann“ kann man den Gesamteindruck des letzten Konzerts der Festival-Saison kaum beschreiben. Der Multifunktions-Künstler – Klarinettist, Komponist, Dirigent – zeigte im 1. f-Moll-Klarinettenkonzert Carl Maria von Webers sein Können als Solist, aber auch als Dirigent und inspirierender Orchestererzieher. Hatte er es in der knappen Probenwoche doch geschafft, die 36 Mitspieler wie ein Kammerorchester „selbst“ spielen zu lassen.

Widmann setzte mit weit bewegter Klarinette und deutlicher Körpersprache nur Abstimmungsakzente. Jedoch nicht mit seinem Soloinstrument: Hier war er voll im musikalischen Fluss, verzauberte mit intensiv empfundenem Spiel und brachte das Werk des Eutiner Komponisten in die Wirkungsnähe von Mozarts beliebtem Klarinettenkonzert.

Ganz weit weg, weil so noch nie erlebt, wirkten dagegen Widmanns knapp 200 Jahre später entstandene Eigenkompositionen. Vor der Pause „Freie Stücke für Ensemble“: Geistreiche Musik, vollgestopft mit Ideen, teils aufschreckenden, meist aber neugierig machenden Klängen und Effekten, die das Orchester ganz ohne Elektronik, nur durch besondere Behandlung der Instrumente erzeugte.

Neueste Musik, deren Entstehen man gerne sehen und hören muss, denn sie bedient selten übliche Hörerfahrungen und -erwartungen. Umso beeindruckender die Reaktion des Publikums, das angesichts ungewohnter Klangkaskade vom fast unhörbar angeblasenen Flöten über Pfeifen der Mitspieler bis zum chaotischen und bedrohlich wirkenden Donnergrollen neugierig in atemloser Stille verharrte. Um die Strategie hinter den zehn kurzen Stücken zu erfahren, wäre Mehrfach-Hören nötig.

Nicht so bei „Con Brio“, in dem Widmann Bruchstücke aus Beethovens 7. und 8. Sinfonie verwendet: Als hätte der Wind die Notenblätter durcheinandergewirbelt und Jörg Widmann sie nach eigenem Muster wieder in eine Reihenfolge gebracht, teils mit wilden Notenbildern für die Geigen und einem Schwerpunkt auf den Pauken, entstand ein etwa sieben Minuten kurzes, energetisch aufgeladenes Stück mit vertrauten Bruchstücken bekannter Themen. Mit Schwung („con brio“) ging es durch die Partitur, sensationell, wie die jungen Mitglieder der Orchesterakademie das Werk unter der Leitung des Komponisten spielten: Die Begeisterung für das erfrischend aufwühlende Klangstück war deutlich zu spüren – ebenso beim heftig applaudierenden Publikum.

Wolfgang Amadeus Mozarts „Jupiter“ Sinfonie wirkte nach dem kraftvollen Widmann-„Con Brio“ dagegen anfangs etwas zahm, nahm aber dank der sorgfältigen und engagierten Einstudierung und deutlicher Leitung bald Fahrt auf und endete in einer furiosen Fuge. Kraftvolle Leichtigkeit, Eleganz wo gefordert, klare Strukturen durch deutliche Akzente: So klar und engagiert wird die „Jupiter-Sinfonie“ sonst nie gespielt: Als hätte Widmann sie von allem Staub befreit und einer Frischzellenkur unterzogen, ließ der Dirigent als Komponist das Werk neu entstehen. Mit riskant schnellem Tempo, aber ohne Hektik meisterten er dirigierend, das Orchester berauschend spielend, die Fuge zum Schluss. Angetrieben durch einen schweißtropfenden Widmann, wurde man hier zum Teil eines sensationellen Orchester- und Hörerlebnisses. Danach ging eigentlich nichts mehr, aber Widmann hatte den unausgesprochenen Wunsch des Publikums vorhergesehen und stellte sich nochmal als Solist vors Orchester - nun mit dem Adagio aus Mozarts Klarinettenkonzert: Hier gelang es - so eine begeisterte Zuhörerin nach dem Konzert - „zum Weinen schön! Schade, dass das Festival vorbei ist. Was mache ich denn nun in der nächsten Woche?“

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