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Landestheater : Verneigung vor einer Jazz-Ikone

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Umjubelte Premiere von „Mythos Billie Holiday“: Für Nathalie Kollo regnete es Blumen, René Rollin erntete Sonderbeifall.

Was macht die Stimme einer Jazzsängerin aus, was macht sie einzigartig? Lassen sich Faszination und Wirkung begründen? Peter Baumann hat die Antwort mit einer tönenden Biografie der 1959 verstorbenen Sängerin gegeben. Allerdings nicht ganz allein. Das Original Billie Holiday half mit: „Strange fruit“ (sonderbare Frucht) aus den Lautsprechern, ein tief berührender Song gegen die Missachtung des Lebens der Sklaven in den Südstaaten Amerikas, erinnerte gleich zu Anfang an die besonderen Ausdrucksqualitäten der Sängerin: „Southern trees bear a strange fruit, blood on the leaves and blood at the root, black body swinging in the southern breeze, strange fruit hanging from the poplar trees.“ (Die Südstaaten-Bäume tragen merkwürdige Früchte. Blut auf den Blättern und Blut an der Wurzel. Ein schwarzer Körper baumelt im Südstaaten-Wind. Merkwürdige Früchte hängen von den Pappeln). Ein Text, den niemand so eindringlich und mitfühlend sang wie Billie Holiday.


Sie war Hure, Diva und Junkie
 

Beklemmende Stille im Publikum, dieser drastische Einstieg in die musikalische Lebensbiografie einer Frau, die für Frank Sinatra die „einflussreichste Jazz-Sängerin ihrer Zeit“ war. Nicht nur für ihn. Nachahmung unmöglich. Sich als Jazzsängerin unserer Zeit mit Titeln Billie Holidays in eigener Interpretation zu behaupten, war die Herausforderung für Nathalie Kollo am Freitagabend im Stadttheater. Das ist ihr auf eigene Art mit dem swingenden Jazz-Quartett auch gelungen.

Von Louis Armstrong stammt eine der treffendsten Charakterisierungen des Blues, den nur eine „sehr gute Sängerin singt, die sich sehr schlecht fühlt!“ Auf Billie Holiday traf beides zu: Sie war Hure, Diva und Junkie. Und wurde durch ihre Lebenserfahrung zur begnadeten Sängerin. Jeder Ton ein Kapitel ihres Lebens. Billie Holiday war einzigartig – wie jeder Mensch. Ihre Art zu singen, ihre Betroffenheit mit jeder Silbe legendär. Das machte auch ihren Erfolg aus – dessen Geschichte und Entstehung René Rollin in der von Peter Baumann verfassten musikalisch-literarischen Reise durch das bewegte Leben der Jazz-Legende auf der Bühne in Rendsburg facettenreich zeigte. Anlässlich des 100. Geburtstages der Ikone erinnerte René Rollin als Biograf und fiktiver Anklagevertreter, Generalstaatsanwalt „Mr. Gnadenlos“ Mark Ehrlichmann, an die 1959 verstorbene Künstlerin, die sich stolz und mutig für die Gleichberechtigung weißer und schwarzer Amerikaner, gegen Intoleranz und Rassismus eingesetzt hatte. Ohne den gewünschten Erfolg. Aktuelle Nachrichten aus Amerika: „Weiße Polizisten erschießen schwarze Kinder.“ Nichts dazugelernt. Erzählt wird die Geschichte eines von Kindern gezeugten Babys, ein Leben in alltäglicher Diskriminierung und eines Kindes, das immer in Geldnot lebte. Niemand konnte Hunger und Liebe so eindringlich singen. Ein Teenager, der für fünf Cent pro Stufe Treppen putzte.


44 Jahre Leben in Liedern
 

Ein Mädchen, das sich als Tänzerin bewarb, scheiterte und dessen stimmliche Ausdrucksfähigkeit zufällig von einem Pianisten entdeckt wurde. Die Geschichte einer Frau und eines Lebens auf des Messers Schneide zwischen Anerkennung und Ausbeutung.

Alles bestärkt durch Songs aus ihrem Repertoire: Lady be good, Lover man, Pennies from heaven, Let’s do it, The man I love und mehr. Songs über Billie und Männer, die sie ausnutzten, von denen sie sich ausnehmen ließ, über ihre Heroinsucht auf der Höhe des Erfolgs (Do you know what it means to miss New Orleans?). Ein Jahr und einen Tag im Gefängnis, der Erfolg danach, Rachegelüste des Generalstaatsanwalts. Ihr letzter Song: Please don’t talk about me, when I’m gone. In zwei Stunden 44 Jahre Leben in Liedern. Stehender Applaus, ein Blumenmeer für Nathalie Kollo, Sonderbeifall für René Rollin und die Musiker. Die Zugabe fasste die Holiday-Hommage auf dem Punkt zusammen: „s’wonderful“. Stimmt. Das war es auf eigene Art. Auch heute verfehlt die gnadenlos gute Musik der „Lady Day“ ihre Wirkung nicht.> Nächste Aufführung von „Mythos Billie Holiday“ am 27. Juni in Schleswig.

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