Unterschiedliche Blickwinkel

Guo Xiaolu präsentiert ihren Film.  Foto: Philippe Matsas
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Guo Xiaolu präsentiert ihren Film. Foto: Philippe Matsas

Chinesische Schriftsteller spiegeln in ihren Werken die Umbrüche in ihrem Land wider

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10. August 2012, 07:53 Uhr

Rendsburg | In China herrscht Aufbruchstimmung. Die Wirtschaft floriert, überall wird neu gebaut, Handy und Computer erobern die Städte. Aber moralisch-seelisch können viele Menschen mit dem neuen China nicht mithalten. "Die Literatur eines Landes ist - auch in Zeiten informationstechnologischer Umbrüche - ein wesentliches Medium, das eine Gesellschaft spiegeln kann", heißt es zur Ankündigung des diesjährigen Literatursommers. "Die Werke der Dichter öffnen unterschiedliche Blickwinkel auf Tradition, Brüche und Wegzeichen des Neuen." Die Geschichten der eingeladenen Autoren erzählen vom Umbruch in der chinesischen Gesellschaft - mal ernsthaft, mal komisch, aber für den westlichen Leser immer informativ.

Da ist zum Beispiel ein kleines chinesisches Dorf, das durch die Begegnung mit einem Ufo in die Neuzeit katapultiert wird. Aber war es wirklich ein Außerirdisches Flugobjekt? "Ein Ufo, dachte sie" (btb Verlag), lautet sinnigerweise der deutsche Titel des Buches von Xiaolu Guo. In Vernehmungsprotokollen wird der Fall aufgerollt. Sowohl das Stilmittel der Protokolle als auch die Ereignisse selbst sind eine herrlich komische Satire auf den Fortschrittsglauben. Denn bald sind die Reisfelder einem Schwimmbad und die Verkaufsstände einem Kaufhaus gewichen. Und die Alien-Helferin, die nicht mehr ganz junge Bäuerin Kwok Yun, heiratet den Lehrer des Orts. Xiaolu Guo wird schon die passenden Bilder zu der Geschichte im Kopf gehabt haben - denn mit deutscher Unterstützung (Udo Kier spielt eine Rolle) verfilmte sie ihr 2009 auf Deutsch erschienenes Buch. Den Film wird die Regisseurin auch in Rendsburg vorstellen. Vor drei Jahren erhielt sie übrigens für ihren Film "She, a chinese" den Goldenen Leoparden beim Internationalen Filmfestival von Locarno.

Xiaolu Guo lebt seit einigen Jahren in London - als Autorin und als Filmemacherin. Wer die Vita der Schriftsteller aus China aufmerksam studiert, wird feststellen, dass viele von ihnen emigriert sind. Etliche leben in Deutschland, andere in England, viele in den USA. Die Gründe sind unterschiedlich - und doch ähnlich. Denn Zensur und Repression gegen Künstler sind vielleicht geringer geworden, aber nach wie vor vorhanden.

Als Guo Xiaolu 1973 geboren wurde, litten die Chinesen noch unter der Kulturrevolution, die viele Biografien bis heute beeinflusst und so manche Menschen traumatisiert hat. So saß ihr Vater - ein Maler - zehn Jahre lang im Gefängnis. Xiaolu selbst konnte zwar an der Filmakademie in Peking studieren. Aber Filme nach ihren Vorstellung zu realisieren, das war nicht möglich. Von der Kulturevolution geprägt sind die Bücher von Yu Hua. In "Brüder" (Fischer Taschenbuch) - einem epochalen Roman, der unter anderem mit den "Buddenbrooks" verglichen wurde - beschäftigt er sich mit dem Aufschwung, aber auch mit den Folgen der Kulturrevolution. Wer einen Eindruck von dem damaligen Druck und seinen Folgen erhalten möchte, dem sei "Verborgene Stimmen - Chinesische Frauen erzählen ihr Leben" (Knaur Taschenbuch) von der Journalistin Xinran (Jahrgang 1958) empfohlen. Es sind Schicksale, die unter die Haut gehen.

Xinran lebt - wie Xualo Guo - inzwischen in London. Ebenfalls die Heimat verlassen hat Cheng Wei. 1957 geboren, studierte sie chinesische Sprache und Literatur; 1992 siedelte sie nach Hamburg um und produziert heute Filme für das deutsche Fernsehen. In China wurde sie vor allem mit ihren Geschichten für Jugendliche bekannt. Ihre Bücher wurden vielfach ausgezeichnet und verfilmt. 2009 erschienen zwölf ihrer schönsten Geschichten erstmals auf Deutsch. In dem Band "Die weiße Pagode" (Iskopress) dreht sich in schlichter, aber eindringlicher Sprache alles um das Erwachsenwerden. Es sind einfühlsame und allgemeingültige Geschichten, die jedes Alter ansprechen und in Europa ebenso wie in China verstanden werden. Wie zum Beispiel die Geschichte von dem Mädchen, dass sich in seinem gelben Kleid erstmals schön fühlt. Oder von den zwei Jungen, die alles daran setzen, die weiße Pagode zu sehen - und erfahren müssen, dass die Erfüllung der Träume nicht immer glücklich macht.

Die Träume von einem guten Leben ziehen die Wanderarbeiter in die großen Metropolen Chinas. "Im Laufschritt durch Peking" (Berlin Verlag) beschreibt das Schicksal eines solchen Arbeiters. Der Autor Xu Zechen (Jahrgang 1978) wurde dafür 2007 mit dem Literaturpreis für Newcomer ausgezeichnet. Xu Zechen lebt in Peking. Bei seinem Besuch in Norddeutschland wird er von seinem Übersetzer Marc Hermann begleitet - einem gebürtigen Itzehoer, der nach Germanistik auch Sinologie studert hat. Er arbeitet inzwischen als freier Übersetzer und macht damit die Begegnung mit der chinesischen Lebenswelt in der Literatur möglich.

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