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Bilanz eines Entwicklungshelfers : „Unglaublich, worüber die Leute jammern“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Von Afghanistan kam Mir Salam Sirak als junger Mann nach Norddeutschland. Weil er nicht in seine Heimat zurück konnte, wollte er Menschen überall in der Welt helfen. Jetzt lebt er in Rendsburg und berichtet von seinen Hilfseinsätzen.

In Mosambik hat er Flutopfern geholfen, verteilte Lebensmittel in Kabul, unterstützte in Simbabwe die Landbevölkerung und kehrte vor Kurzem aus Äthiopien zurück: Jetzt sitzt Mir Salam Sirak in seinem Wintergarten mit Blick auf die Eisenbahnhochbrücke und sinniert über „das Geschäft mit der Humanität“, wie er die heutige Entwicklungshilfe bezeichnet. Ein Geschäft, in das der Agrarwissenschaftler vor 22 Jahren ganz idealistisch eingestiegen ist.

Der Name verrät es: Mir Salam Sirak ist kein gebürtiger Deutscher. Er kam vor 64 Jahren als eines von vielen Kindern einer armen Familie in Afghanistan zur Welt. 1972 reiste er als Stipendiat des afghanischen Königs nach Kiel. 1973 wurde der König gestürzt, sein Abitur nicht mehr anerkannt, das Stipendium gestrichen. Mir Salam Sirak sollte ausreisen. Viele Deutsche halfen ihm – er konnte bleiben, studierte Agrarwissenschaften, promovierte und wurde Angestellter der Uni Kiel.

Mir Salam Sirak schaut nachdenklich aus dem Fenster, spricht leise und nimmt einen Schluck aus der Kaffeetasse. „Ich wollte nicht in Deutschland bleiben“, sagt er. Denn „ich hatte dem König mit Handschlag versprochen, zurück zu kommen“. Er wollte sein Land unterstützen. Einige Male war er danach in Afghanistan, „doch ich konnte nicht wieder Fuß fassen.“ Mir Salam Sirak entschied sich darum für die deutsche Staatsbürgerschaft, heiratete, wurde Vater von zwei inzwischen erwachsenen Söhnen. Ihm geht es gut, aber in zahlreichen anderen Ländern hungern die Menschen, leiden unter Dürre oder Bürgerkrieg.

Sirak hat seine Wurzeln nicht vergessen und stets das Gefühl, etwas zurückgeben zu müssen. Was nicht immer ganz einfach ist. Für seine Einsätze hat er unterschrieben, dass er Menschen nicht wegen ihrer Herkunft oder ihrer Religion benachteiligen darf. Doch er hat die Erfahrung gemacht, dass ein Moslem als Helfer nicht immer erwünscht ist. Und bei einem Einsatz erlebte er eine Entwicklungshelferin, die von den Einheimischen verlangte, Kreuze aufzuhängen und zu beten. Da verweigerte er die weitere Zusammenarbeit: „Ich missioniere nicht“, macht er deutlich. Ein Mensch sei in Not und er helfe – das sei für ihn das einzige Kriterium.

Seit 22 Jahren ist Mir Salam Sirak, der sieben Sprachen spricht, nun bereits im Dienst der guten Sache unterwegs – für die Welthungerhilfe, für Regierungsinstitutionen, für österreischische Organisationen. Meist für drei bis vier Jahre am Stück in einem Land, so wie es in der Entwicklungshilfe üblich ist, teilweise von der Familie begleitet. Früher war der Lohn eher eine Art Taschengeld, heute wird das bisherige Gehalt im Auslandseinsatz fast verdoppelt. Doch nicht nur für die Beschäftigten der vielen verschiedenen Hilfsorganisationen sei die Entwicklungshilfe ein lohnendes Geschäft geworden. In Mozambique und Simbabwe hat Sirak das Land-Grabbing kennen gelernt: Großinvestoren kaufen Land auf und bauen dort Wirtschaftspflanzen an, also Pflanzen wie Tabak oder Zuckerrohr, die nicht direkt der Ernährung dienen. Auch Staaten wie die Bundesrepublik würden sich daran beteiligen, stellte er fest. Ein Vorgehen, dass den Menschen vor Ort nicht hilft, so seine Erfahrung.

Wie zum Beispiel in Äthiopien, wo er Ende vergangenen Jahres war. „Gibt der Boden nichts mehr her, dann geht man.“ In dem afrikanischen Land hat extensive Nutzung, auch durch die Einheimischen, zu starker Erosion der Berghänge geführt. Diese soll gestoppt werden. Das Hilfsprogramm sei „auf dem Papier sagenhaft gut definiert“, weiß er – aber die Realität sieht anders aus.

„Das Land ist wunderschön“, sagt Sirak, „aber ich habe noch nie so eine Armut wie in Äthiopien gesehen.“ Sieben bis acht Millionen Menschen müssten dort jährlich von der internationalen Nahrungsmittelhilfe ernährt werden. Und so erlebte er auch dieses Mal – wie so oft nach der Rückkehr von einem Einsatz – einen Kulturschock: „Es ist unglaublich, worüber die Leute hier jammern“, stellt er fest. „Ich könnte ihnen erzählen, was wirklich fehlt.“

 

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erstellt am 07.Feb.2014 | 12:00 Uhr

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