Gefahr in der Luft : Tödliche Kollision mit Stromkabel

Windräder und Stromkabel sind für zahlreiche Vögel eine tödliche Gefahr.
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Windräder und Stromkabel sind für zahlreiche Vögel eine tödliche Gefahr.

Sechs Blässgänse sterben bei Bokel. Deutschlandweit sind Millionen Vögel betroffen. SH-Netz will die Gefahr minimieren.

shz.de von
09. März 2018, 15:54 Uhr

Zwergschwäne und Gänse wollte Natascha Gaedecke zählen, als sie die Feldwege zwischen Bokelholm und Bokelfeld bei Emkendorf im Nortorfer Land mit ihrem Auto abfuhr. Die Vogelzählung wird von der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft organisiert, in der die Biologin mit Schwerpunkt Ornithologie Mitglied ist. Dabei machte sie einen traurigen Fund: Auf einem Hügel erblickte sie eine Ansammlung von sechs toten Blässgänsen. Einige wiesen deutlich sichtbare Verletzungen auf, eine sah aus, als wäre sie aufgeschlitzt worden. Die Vögel lagen dicht beieinander und in unmittelbarer Nähe von einem Stromkabel. Gaedecke ist sich sicher, dass die Leitungen den Gänsen zum Verhängnis wurden.

Bei einigen Tieren hatte sich das Kabel „sieben bis acht Zentimeter ins Fleisch geschnitten“, bei einem der Vögel „war ein Flügel abgetrennt“, beschreibt die Biologin die Situation. Bereits mehrfach habe sie einzelne Vögel gefunden, die durch ein Stromkabel gestorben sind – sechs auf einmal habe sie allerdings selten erlebt.

Die Blässgänse befinden sich nur im Winter in unserer Region, eigentlich kommen sie aus Sibirien, erklärt Gaedecke. Sie würden Fluggeschwindigkeiten von bis zu 80 Kilometern pro Stunde erreichen. Wenn sie dann einem der Stromkabel nicht ausweichen können, „passieren häufig tödliche Verletzungen“. Gefährdet seien grundsätzlich alle Vögel. Besonders häufig treffe es Wasservögel wie Schwäne, Gänse und Enten, weil diese schwerfällige Flieger sind und Hindernissen schlecht ausweichen können.

Kathrin Klinkusch, Pressesprecherin beim Nabu, bestätigt, dass zahlreiche Vögel durch Stromkabel ums Leben kommen: „Es ist davon auszugehen, dass in Deutschland jährlich zwischen 1,5 bis 2,8 Millionen Vögel an Hoch- und Höchstspannungsleitungen sterben.“ Bei der Schleswig-Holstein Netz AG versucht man dem entgegenzuwirken. So wurden in den vergangenen Jahren mehr als 3000 Kilometer Freileitungen abgebaut und als Kabel neu verlegt, sagt Sprecher Ove Struck. Hochspannungsfreileitungen, die sich in der Nähe von Naturschutzgebieten, Brutarealen oder bevorzugten Flugrouten befinden, würden zudem mit „Vogelschutzmarkern“ ausgestattet: „Diese bestehen aus schwarz-weißen Lamellen, die sich wie ein Windspiel im Wind bewegen. Vögel können die Leitungen dadurch schon aus der Ferne als Hindernis erkennen und überfliegen.“

Nicht nur Stromkabel, sondern auch Windräder sind eine große Gefahr für Vögel, sagt Gaedecke. Besonders häufig würden Greifvögel getötet. Diese fliegen sehr hoch: Ihre favorisierte Flughöhe liegt zwischen 50 und 200 Metern. In diesem Bereich sind die Tiere durch die Rotoren der Windkraftanlagen gefährdet, sagt die Ornithologin. Einige Arten wie der Mäusebussard würden so häufig verunglücken, dass sogar eine Gefährdung des Bestandes bestehe.

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