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Fahrlässige Tötung : Tod im Holtsee: Betreuer verurteilt

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Fußballtrainer erhält sechs Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung. Ein zwölfjähriges Mädchen war im Sommer 2012 ertrunken.

shz.de von
erstellt am 22.Apr.2015 | 06:00 Uhr

Im Fall des bei einer Ferienfreizeit ertrunkenen zwölfjährigen Mädchens im Holtsee ist der Betreuer (61) gestern vor dem Kieler Landgericht zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten verurteilt worden. Damit sprach ihn der Richter der fahrlässigen Tötung schuldig. Das Mädchen war bei dem Versuch, eine Achtjährige zu retten, unter Wasser geraten und nicht wieder aufgetaucht (wir berichteten).

Staatsanwalt Dr. Torsten Holleck hatte vor der 35. großen Strafkammer wegen grober Fahrlässigkeit auf eine Bewährungsstrafe von sieben Monaten plädiert. Zudem sollte der Angeklagte jeweils 3000 Euro an die Familien der beiden Mädchen zahlen. Holleck sah es als erwiesen an, dass der Betreuer der Mädchenfußballmannschaft aus Hamburg am 27. Juli 2012 leichtfertig und achtlos mit seiner Verantwortung für die Mädchen umgegangen ist.

An dem Tag hatte der Betreuer, ein ehemaliger Gymnasiallehrer aus Hamburg, das achtjährige Mädchen auf den Rücken genommen, um mit ihm zur Badeinsel in der Mitte des Sees zu schwimmen, obwohl es Nichtschwimmerin war. Auf der Insel in rund 60 Metern Entfernung vom Ufer befand sich bereits die Zwölfjährige. Auf halber Strecke gerieten die beiden in Not, woraufhin das ältere Mädchen zur Hilfe kam. Die Jüngere klammerte sich an ihre Freundin, die daraufhin unterging und nicht wieder auftauchte. Der Betreuer konnte das achtjährige Mädchen ans Ufer bringen, wo er völlig erschöpft blieb. Erst 74 Minuten später bargen Rettungskräfte die Zwölfjährige aus dem trüben See.

Für den Staatsanwalt war klar: Der Betreuer hätte nicht mit der Nichtschwimmerin hinausschwimmen dürfen. Die Eltern des körperlich behinderten Mädchens hatten vor der Abreise betont, dass ihre Tochter wasserscheu sei. Dass er während der Freizeit einen anderen Eindruck bekommen habe, rechtfertige nicht, sich über die Anweisung der Eltern hinwegzusetzen, dass das Kind nur am flachen Wasser am Ufer spielen durfte. Er glaubte dem Angeklagten nicht, dass der in Not kam, weil die Achtjährige auf seinem Rücken in Panik geraten sei und seinen Hals so fest umklammerte, dass er keine Luft mehr bekam. Richtig sei, dass das Kind erst Panik bekam, als der Angeklagte unruhig wurde, weil er die Last nicht mehr tragen konnte. „Er hat die Strecke zur Badeinsel schlicht unterschätzt, nicht aus bösem Willen, sondern um dem Kind eine Freude zu machen“, so Holleck. Er schloss in seinem Plädoyer die Schuld für den Tod des Mädchens ein: Der Angeklagte hätte vorher absehen müssen, dass in einer Notsituation nur noch die Zwölfjährige hätte zur Hilfe kommen können. Damit habe er auch ihr gegenüber sorgfaltswidrig gehandelt. „Er hat alles auf eine Karte gesetzt“, sagte der Staatsanwalt, weil der Angeklagte keine weiteren Sicherheitsmaßnahmen ergriffen hatte. Einen Vorsatz erkannte Holleck in der Tat jedoch nicht. Der gilt als Voraussetzung für den Vorwurf Totschlag durch Unterlassen, den die als Nebenklägerin aufgetretene Mutter des ertrunkenen Mädchens ins Spiel brachte.

„Es ist unstreitig, dass mein Mandant für das Unglück verantwortlich ist“, sagte Rechtsanwalt Peter Boysen. Er wies jedoch darauf hin, dass der Angeklagte manisch-depressiv sei und deshalb nicht voraussehen konnte, dass er sich in einem Notfall nicht nur um die Achtjährige, sondern auch um die Zwölfjährige kümmern musste. Er plädierte auf Freispruch und blieb bei der Aussage, dass erst die Panik des Kindes auf dem Rücken seines Mandanten zu dem Unglück geführt habe.

Richter Dr. Stephan Worpenberg stellte fest, dass es die Achtjährige war, die mitten auf dem See in Panik geriet. Sein Urteil begründete er mit einem „eklatanten Sorgfaltspflichtverstoß und gravierendem Fehlverhalten“ des Angeklagten. Zu dessen Gunsten spreche sein Geständnis, seine Reue und das lange Verfahren. Der Betreuer wurde wegen fahrlässiger Tötung zu sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

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