Thorben Kraft - der letzte Zivi?

Sorge bei Fockbeker Behindertenwerkstatt: Nach dem Aus des Zivildienstes entsteht eine Lücke in der individuellen Betreuung

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14. April 2011, 09:15 Uhr

Fockbek | Thorben hilft Uwe, Blumen in den Kübel einzugraben. Diese Gartenarbeit ist zurzeit Thorbens Job, auch wenn er kein Gärtner ist. Thorben Kraft ist Zivildienstleistender und vielleicht der Letzte seiner Art. Denn mit der bundesweiten Abschaffung der Wehrpflicht zum 1. Juli setzt auch der Zivildienst aus.

In der Behindertenwerkstatt Fockbek wäscht Thorben das Geschirr und deckt die Tische, kümmert sich aber auch direkt um schwerbehinderte Menschen, indem er ihren Alltag bunt gestaltet: "Neulich wollte jemand eine Piratenflagge zu seinem Faschingskostüm basteln. Also besorgte ich Seide und los gings", sagt der 22-Jährige und lächelt. Am liebsten spielen sie aber Memory.

Solche Extras können in Zukunft ohne Zivis knapp werden, denn eine ausgebildete Fachkraft betreut zwölf Personen. Dabei seien diese Aufgaben wichtig, um die Betreuten zum Sprechen anzuregen. "Beim Arbeiten und Essen kommt die individuelle Beschäftigung leider meistens zu kurz", erklärt Werkstattleiter Nikolaus Perlepes, "mit den Zivis geht uns wertvolle Unterstützung verloren".

Durch die Aufhebung des Dienstes würden noch weniger Männer im weiblich dominierten Sozialbereich arbeiten. Ein Manko, denn bekanntlich gehen Frauen und Männer Dinge unterschiedlich an, wovon die Betreuten profitieren würden, meint die Rendsburger Einrichtungsleiterin Birgit Schatz.

Und auch Thorben schätzt die Arbeit. Er habe die Berührungsängste und Vorurteile verloren und viel über den Umgang mit Menschen dazugelernt. Der Zivi gesteht aber auch: "Viele meiner Freunde konnten zwar diese Zeit nach dem Abi nutzen, um sich zu orientieren, wenn ich aber frei hätte entscheiden können, wäre ich schon längst im Studium."

Dass es so langsam ernst mit dem Ende des Zivildienstes wird, belegen auch Zahlen: Hatte der Referent für Zivildienst vom Diakonischen Werk Schleswig-Holstein Wolfgang Oldenburg sonst mindestens 25 Anmeldungen bei den Lehrgängen, gingen für diesen Mai nur noch zehn ein. Die künftige Lücke soll der Bundesfreiwilligendienst füllen.

Ein Unterschied findet sich hier zum Beispiel in den Arbeitsumständen: "Im Schnitt erhält der Bundesfreiwillige weniger Geld bei längeren Arbeitszeiten", sagt Perlepes. Die konkreten Umsetzungsvorschläge fehlen Wolfgang Oldenburg noch: "Zum 1. Juli sollen die Informationen folgen. Deshalb herrscht bei uns große Unsicherheit um den neuen Freiwilligendienst." Und auch die Werbung käme bisher zu kurz. Die Folge: In der Fockbeker Werkstatt trafen keine Anmeldungen ein.

Das Problem sei nun die Übergangsphase, sagt Werkstattleiter Perlepes. Um die fehlenden Hände zu kompensieren, hat die Werkstatt die wegfallenden Zivistellen mit Teilnehmern aus dem Freiwilligen Sozialen Jahr überbrückt. "Hier besteht zum Glück noch genug Nachfrage", so Birgit Schatz. Sie hat jedoch Angst, dass nicht nur durch das Zivildienst-Aus, sondern auch durch das steigende Angebot von Studienplätzen und Lehrstellen immer weniger junge Menschen in den sozialen Dienst gehen.

Thorben hat seine Entscheidung getroffen: Er ließ seine Zivi-Zeit bis Ende September verlängern, bevor sein Studium beginnt. Damit wird er als einer der letzten Zivis in die Geschichte des Kreises Rendsburg-Eckernfördes eingehen.

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