Zentrale in Rendsburg : Telefonieren mit Gebärden

Tess-Mitarbeiter Okan Kubus ist selbst gehörlos, kann aber mithilfe der Dolmetscherin mühelos telefonieren. Zwischen Übersetzern und Kunden entsteht schnell eine persönliche Beziehung. Kubus: „Die Gehörlosenwelt ist sehr klein, da kennt man sich.“
Foto:
1 von 2
Tess-Mitarbeiter Okan Kubus ist selbst gehörlos, kann aber mithilfe der Dolmetscherin mühelos telefonieren. Zwischen Übersetzern und Kunden entsteht schnell eine persönliche Beziehung. Kubus: „Die Gehörlosenwelt ist sehr klein, da kennt man sich.“

Die Dolmetscher eines Rendsburger Vermittlungsdienstes ermöglichen bundesweit „Gespräche“ zwischen Hörenden und Hörgeschädigten.

von
03. Januar 2015, 15:00 Uhr

Der Anruf bei entfernt lebenden Verwandten gehört in vielen Familien an den ruhigen Tagen um die Jahreswende zum Pflichtprogramm. Wer es nicht schafft, den Lieblingsonkel oder die Oma zu besuchen, der klingelt kurz durch. Was für gesunde Menschen eine Selbstverständlichkeit ist, stellt für viele Gehörlose immer noch eine Hürde dar. Um diese so niedrig wie möglich zu halten, gibt es Übersetzungsdienste, die Gespräche zwischen Hörenden und Hörgeschädigten dolmetschen.

So zum Beispiel das Unternehmen Tess Relay-Dienste, kurz Tess, mit seiner Zentrale in Rendsburg. 42 Gebärden-Dolmetscher arbeiten bundesweit, meist von Zuhause aus, für den Vermittlungsdienst. Dies funktioniert auf der Basis von Videotelefonie über das Internet. Die Gehörlosen stellen mit einer Kamera am PC eine Verbindung mit den Tess-Dolmetschern her (siehe Foto) und geben schriftlich über ein Eingabefenster oder per Gebärdensprache die Kontaktdaten der Person durch, die angerufen werden soll. Der Dolmetscher wählt die entsprechende Nummer, stellt sich und den Dolmetschdienst kurz vor und kündigt den Gesprächspartner an. Die gesprochenen Worte des Angerufenen übersetzt der Tess-Mitarbeiter dann in Gebärdensprache, die per Videoaufzeichnung an den Gehörlosen übermittelt wird. Während der Hörgeschädigte den Dolmetscher nur sieht, kann der Angerufene den Vermittler nur am Telefon hören.

Obwohl auf diese Weise beinahe ein Gespräch in Echtzeit entsteht, wissen viele Gehörlose mit diesem Service nichts anzufangen. In Schleswig-Holstein nutzen zum Beispiel nur sieben Kunden den Dienst. „Gehörlose leben in ihrer eigenen Sprache. Sie werden ohne Telefon groß, während Hörende schon von Klein auf lernen, wie man telefoniert. Wir müssen Gehörlose erst dazu bringen, zu telefonieren“, erklärt Nadine Brohm, Mitarbeiterin bei Tess. Sie weiß, dass viel Vertrauen dazu gehört, bei privaten Gesprächen einen Übersetzer dabei zu haben. „Die Dolmetscher sind zur Verschwiegenheit verpflichtet“, sagt sie und führt weiter aus, dass sich schnell eine persönliche Beziehung zwischen Kunden und Übersetzern entwickele. „Wenn sie übersetzen, spiegeln die Dolmetscher ja auch die Gefühle der Anrufer.“ Deshalb sei es vielen Kunden wichtig, die Dolmetscher zu kennen. „Manche telefonieren absichtlich dann, wenn ihr Lieblingsdolmetscher eine Schicht hat“, so Brohm. Trotzdem können die Anrufer immer auch bei einem Kollegen landen, schließlich sind gleichzeitig mehrere Leitungen für Telefonate offen. Täglich von 8 bis 23 Uhr steht der Service von Tess zur Verfügung – für eine monatliche Gebühr von fünf Euro und zusätzlich 28 Cent pro Minute. Dieser Preis ist zu 95 Prozent subventioniert . Der „reale Preis“, so Brohm, liegt deutlich höher: 220 Euro im Monat und 1,50 Euro pro Minute zahlen Kunden, die den Dienst beruflich nutzen wollen.

Kostenfrei ist dagegen ein Service, der Menschenleben retten könnte: Seit Mitte Dezember können Notrufe mithilfe der Dolmetscher abgesetzt werden. Gehörlose rufen sonst per SMS oder Fax um Hilfe, was die Kommunikation mit der Rettungsleitstelle aber im Vergleich zum übersetzten Gespräch deutlich erschwert. „Leider können wir das nur während unserer Öffnungszeiten anbieten, aber wir suchen gerade nach einer Finanzierungsmöglichkeit, damit das rund um die Uhr geht“, sagt Brohm.

Bis dahin sind die Dolmetscher weiter von 8 bis 23 Uhr erreichbar – auch an den Weihnachtsfeiertagen und an Silvester standen die Übersetzer bereit. Ausgesprochen großen Andrang gab es an diesen besonderen Tagen des Jahres jedoch nicht. Nadine Brohm begründet das damit, dass die Gehörlosengemeinde eng vernetzt ist: „Sie sind sehr gut organisiert, treffen sich und feiern gemeinsam. Sie haben quasi eine eigene Kultur.“

> www.tess-relay-dienste.de

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen