Landestheater : Tanztheater mit Schattenseiten

Kraftvoll, aber streckenweise nicht überzeugend wirkte der Auftritt des Ensembles.
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Kraftvoll, aber streckenweise nicht überzeugend wirkte der Auftritt des Ensembles.

Ensemble unter Leitung von Katharina Torwesten zeigte „Mythos Carmen“ . Hauptdarstellerin Li Tan mangelte es an Ausstrahlung

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18. November 2013, 06:00 Uhr

„Mythos Carmen“ – dieser Titel weckt Interesse. „Hier prallen zwei Welten aufeinander, und das mit voller Wucht“, heißt es dazu vielversprechend im Programmheft. Das mag für die Charaktere der Carmen und der sie Anbetenden gelten; für Musik und Tanz jedoch nur bedingt. Hier überwog am Sonnabend im Stadttheater das Miteinander. Ohne Worte als tänzerische Pantomime das Gefühlsleben, gesellschaftliche Konventionen und das Scheitern der Beteiligten darzustellen, war eine Herausforderung.

Katharina Torwestens Inszenierung stellte den Mythos Carmens als „femme fatale“ durch wiederholte Darstellung ihres Wunsches nach „Männern“ dar. Das Urteil über die symbolhaft in rot gekleidete Frau bildete sich jede(r) selbst. Männer pflasterten ihren Weg. Ein Mythos? Oder eher der Männerwunsch nach einer attraktiven und sexuell aktiven Frau, deretwegen „man“ sein ganzes Leben auf Spiel setzt?

Georges Bizets Oper „Carmen“ behandelt den Niedergang eines Korporals, der einer triebhaften Zigeunerin verfallen ist. Der „Mythos Carmen“ auch, nur wird es hier konzentriert am Verhalten Carmens dargestellt. In rotem Gewand bestimmt sie mit viel Haut und lasziven Bewegungen die Handlung. Anfangs zeigen noch sechs, ganz in schwarz verhüllte Nonnen Carmens Gegentyp; dazu Männer, die sich mit dem Rücken zum Publikum an das trennende Gitter der Bühnendekoration klammern.

Nach dem Tod von Georges Bizet wurden aus seiner Welterfolgs-Oper „Carmen“ zwei Suiten mit knapp 40 Minuten Orchester-Spielzeit zusammengestellt. Die Landestheater-Inszenierung nahm eine Aufführungsdauer von 75 Minuten in Anspruch, die mit eingefügten Flamenco-Nuevo-Passagen und einem Original-Gesangsteil aus der Oper mit Musik vom Band gestreckt wurden.

Problematisch: Die kurzen Sätze der Musik bestimmten den Ablauf. Sie wurden tänzerisch illustriert, allerdings fehlten die Worte und bei der Hauptdarstellerin Li Tan auch die Mimik. Glaubhaft wirkte ihr konzentriert kraftvoller Auftritt nicht. Schemenhaft, wie in einem Puppenspiel stellte das Ensemble die Geschichte dar. Teils entstand die Wirkung wie in einem 3-D-Stummfilm in Farbe mit Begleitmusik. Bei Li Tan als Carmen vermisste man die Ausstrahlung. Was sie mit dem Körper zeigte, konnte man ihrem Gesicht nicht entnehmen. Zudem zerrissen die kurzen Sätze der Carmen-Suite die Handlung; wie in einem Puzzle wirkte das Geschehen um wechselnde Zuneigung aneinandergereiht. Anfangs schien es, als würden kataloghaft die stilisierten Möglichkeiten des Tanztheaters am Beispiel der Carmen gezeigt, alles angereichert mit traditionellen Balletteinlagen und -sprüngen. Natürlicher wirkten die Flamenco-Gitarreneinwürfe mit dem typischen Fußklackern der Tänzer.

Carmen im Zwiespalt der Zuneigung zu zwei Männern: Dem Soldaten Don José, der ihretwegen seinen Lebensweg verlassen hat, und dem ungleich charismatischeren Torrero Escamillo. Carmen hinterließ mit ihrer meterlangen roten Rüschenschleppe eine Spur verletzter, verirrter Männer hinter sich: Sichtbarer Beweis einer Sprunghaftigkeit, die sie mit dem Tod bezahlte. Wenn damit der „Mythos Carmen“ gemeint war, wurde die Warnung verstanden: die Warnung an Frau und Mann vor ungebremst gelebter Emotionalität.

>Nächste Aufführung im Rendsburger Stadttheater: 14. Dezember, 19.30 Uhr

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