Flüchtlinge : Taliban-Opfer kämpft um Platz in Rendsburg

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Traumatisierter Afghane (26) muss Gemeinschaftsunterkunft verlassen. Obwohl seine Ärztin davon abrät.

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22. Juli 2015, 17:28 Uhr

Für den 26-jährigen Mohammad F. aus Afghanistan ist Rendsburg zu einem neuen Zuhause geworden. Hier hat er Freunde, er besucht einen Deutschkurs, er spielt in einer Volleyball-Mannschaft. All das hilft dem jungen Mann zu vergessen, was die Taliban ihm und seiner Familie Schreckliches angetan haben. Doch aus genau diesem vertrauten Umfeld soll der 26-Jährige nach drei Monaten wieder herausgerissen werden. Er muss die Gemeinschaftsunterkunft in der Kaiserstraße am Montag verlassen und ins 50 Kilometer entfernte Brodersby ziehen. Denn die Unterkunft in Rendsburg ist nur als Übergangslösung für Asylbewerber vorgesehen, dauerhaft dürfen nur die Wenigsten bleiben.

Als Mohammad F. die Nachricht über den bevorstehenden Umzug vor drei Wochen erreicht hat, ist der traumatisierte Mann zusammengebrochen und musste in die Imland-Klinik eingeliefert werden. Die Angst vor der neuen Umgebung ist groß, er möchte die Stadt nicht verlassen. Doch auch ein ärztliches Attest konnte die Ausländerbehörde des Kreises nicht davon überzeugen, für Mohammad F. eine Ausnahme zu machen.

Was der Afghane in seinem Heimatland erlebt hat, lässt niemanden kalt. Als Dolmetscher für die US-Soldaten wurde er von den Taliban bedroht, sie wollten seine komplette Familie auslöschen. „Meinen Vater haben sie getötet, mein Bruder hat im Kampf ein Bein verloren“, erzählt er. Alles Bilder, die er nicht mehr vergisst und die ihn auf der eineinhalb Jahre langen Flucht durch den Iran, die Türkei, Serbien und Ungarn immer wieder einholten. 2014 kam er schließlich nach Deutschland. Hier ist er vor den Taliban sicher, doch die Bilder bleiben. Mohammad F. leidet unter Panikattacken, hat Angstzustände und muss deshalb starke Medikamente nehmen. „Ich kann nachts nicht schlafen. Ich lasse das Licht an, wie ein kleines Kind.“

Trotz der schwierigen Situation versucht der junge Mann alles, um einen Neustart zu schaffen. Er lernt täglich Deutsch, möchte später unbedingt einen Job finden. Doch der Gedanke, die Stadt verlassen zu müssen, versetzt ihn immer wieder in Panik: „Ich möchte nicht schon wieder gehen. Ich will nicht wieder fliehen“, sagt er. Nach dem Zusammenbruch vor drei Wochen schickte die zuständige Ärztin ein Schreiben an die Ausländerbehörde. „Hier in Rendsburg ist es dem Patienten inzwischen gelungen, sich ein stabiles soziales Umfeld aufzubauen, das ihm Sicherheit bietet“, heißt es darin. Die Ärztin schreibt außerdem, dass bei einer erneuten Entwurzelung mit einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes zu rechnen ist.

Mit der Medizinerin habe man in der zuständigen Behörde des Kreises schon Kontakt aufgenommen, so Sven Behrens, Leiter der Fachgruppe Ordnungswesen, gestern. Er erklärte aber auch, dass Rendsburg als dauerhafter Wohnort nicht in Frage kommt. Denn in der Regel bleiben die Asylbewerber drei, höchstens sechs Monate in der Stadt. Das sei vom Land so vorgegeben, sagt Behrens. Von dort werden sie auf die umliegenden Gemeinden im Kreis zugeteilt, je nach Kapazitäten und geeignetem Umfeld.

Ausnahmen gebe es laut Behrens aber: Ein halbes Dutzend Asylbewerber leben dauerhaft in der Kaiserstraße. „Sie sind hier schon sehr stark verwurzelt“, sagt der Fachgruppenleiter. Solche Härtefälle werden meist erlaubt, wenn es darum geht, Eltern und minderjährige Kinder oder Ehepaare zusammen zu führen. Bei Mohammad F. sehe man bisher keinen Härtefall. „Es ist ein medizinisches und kein Unterbringungsproblem“, sagt Behrens. Er werde zwar aus einem gefestigten Umfeld genommen, dafür aber in eine neue Umgebung kommen, wo sich die Menschen gut um ihn kümmern und mit Kappeln in der Nähe eine gute Infrastruktur herrsche, so der Fachgruppenleiter.

Behrens kündigte am Freitag jedoch an, ein erneutes Gespräch mit der Ärztin zu führen. Vielleicht gibt es für Mohammad F. doch noch eine kleine Chance, in Rendsburg zu bleiben.

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