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Syrer: „Ich nenne es Freiheitskrieg“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Abdulnasser Almasalmeh (29) aus Daraa hat an Kieler Uni Pharmazie studiert / Er glaubt, dass eine Lösung für seine Heimat nur mit Waffen möglich ist

Zurzeit ist er ständig online. Bei Facebook ist Abdulnasser Almasalmeh fast rund um die Uhr mit der Familie in Syrien vernetzt. Selbstverständlich für ihn, die Nachrichten über die dramatische Entwicklung in seiner Heimat zu verfolgen. Der mutmaßliche Giftgaseinsatz in der vergangenen Woche hat ihn schockiert.

„Ich habe keine Zweifel daran, dass es Giftgas war“, sagt der 29-Jährige Kieler im Gespräch. „Ich habe mich auch gefragt, wie fühlt sich wohl der Mensch, der das gemacht hat – ist er happy, ist er stolz auf sich?“ Tränen seien ihm dabei in die Augen geschossen, berichtet der Syrer, der seit zehn Jahren an der Kieler Förde lebt.

2003 folgte Almasalmeh nach dem Abitur seinem älteren Bruder, einem Kieferorthopäden, nach Kiel, lernte Deutsch, studierte Pharmazie und promovierte vor kurzem. Zusammen mit seiner syrischen Frau lebt er an der Förde, absolviert gerade einen Kursus in Wirtschafts-Englisch, um seine Chancen in der Pharma-Branche zu erhöhen. „Bisher lief alles ganz gut“, sagt Almasalmeh. „Aber man muss sich ein bisschen durchkämpfen.“ Seine Zukunft sieht er in Deutschland.

Dennoch – so schnell wie möglich möchte der junge Mann seine Heimat besuchen. Seine Eltern leben in Daraa, einer Stadt etwa 100 Kilometer südlich von Damaskus, in der der erste Aufstand gegen das Assad-Regime im März 2011 begann. Auch seine ältere Schwester lebt dort, sagt der 29-Jährige. Eine jüngere Schwester sei nach Jordanien gegangen, die Eltern seiner Frau vor kurzem von Damaskus nach Dubai geflogen – die Situation zu gefährlich. Auch seine eigene Frau flog am Donnerstag in die Emirate. Abdulnasser Almasalmeh ist überzeugt davon, dass das Assad-Regime einen Gasangriff zu verantworten habe. „Sie waren die ersten, die in Daraa auf Demonstranten geschossen haben. Sie kamen mit Panzern, haben die Stadt lahm gelegt. Sie haben mit Kampfflugzeugen angefangen. Das wird immer schlimmer und schlimmer“, sagt der junge Mann ganz ruhig, bevor er an einem Glass Wasser nippt.

Das letzte Mal war er Anfang April 2011 in Syrien – kurz nach den ersten Aufständen. „Mein Vater war verhaftet worden“, sagt er, „Er kam dann frei, ich wollte ihn einfach sehen. Und ich wollte selbst sehen, was da los war.“

Was er dort in Daraa sah, hat ihn zutiefst erschüttert. Das erste Mal in seinem Leben nahm er an einer Demonstration teil. Er erlebte, wie Sicherheitskräfte mit Tränengas schossen. „Ich habe angefangen zu fotografieren, als ich einen Schuss hörte. Plötzlich lag einer blutend auf dem Boden“, sagt Almasalmeh. „Jeder lief weg, nur der Verletzte blieb liegen.“ Geschrei, weinende Frauen. Irgendwann trugen zwei Männer den Mann von der Straße. Bis dahin hatte der junge Syrer nicht verstanden, wie ernst die Lage war. „Doch dann hatte ich Angst. Ich musste mich entscheiden – entweder gehe ich auf Demos, gehe das Risiko ein, oder ich bleibe zu Hause.“

Vielleicht liegt es am Vater, der aufgrund seiner politischen Aktivität in Syrien nicht als Arabisch-Lehrer arbeiten darf, dass sich Abdulnasser Almasalmeh für den Kampf entschied. Zurück in Deutschland, reiste er monatelang fast jedes Wochenende nach Belrin, um gegen Machthaber Assad zu demonstrieren. Bis Anfang 2012, als sich alles veränderte – und die Gewalt zu groß wurde. „Ich nenne es Freiheitskrieg“, sagt Almasalmeh. „Da kann ich mit Demonstrationen nicht helfen.“ Er sah seine Mission darin, Deutschland auf Folter und Tod in seiner Heimat aufmerksam zu machen.

Was hält der Kieler von einem militärischen Eingreifen der Amerikaner? Almasalmeh denkt nach. „Wenn sie das Regime stürzen und keine Zivilisten treffen, bin ich dafür“, sagt er. Andererseits seien die Konsequenzen nicht absehbar. „Eine Lösung“ sagt der 29-Jährige, „ ist aber nur mit dem Einsatz von Waffen möglich. Anders geht es nicht.“

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erstellt am 31.Aug.2013 | 00:33 Uhr

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