Während der Schonzeit : Streit um den korrekten Heckenschnitt

Zwei Hecken– zwei Optiken: Die rechte wurde nach den Vorgaben der Stadt bis zur Grundstücksgrenze zurückgeschnitten. Die linke erhielt einen Pflegeschnitt, was der Stadt nicht reicht.
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Zwei Hecken– zwei Optiken: Die rechte wurde nach den Vorgaben der Stadt bis zur Grundstücksgrenze zurückgeschnitten. Die linke erhielt einen Pflegeschnitt, was der Stadt nicht reicht.

Verwaltung setzt Bürgern Frist und erntet Kritik.

shz.de von
03. Juni 2018, 11:26 Uhr

Rendsburg | Dörte Klemt ist verärgert: Die 90-Jährige wohnt in einem Reihenhaus an der Straße Sandkoppel. Ihre Nachbarn und sie erhielten am 25. Mai ein Schreiben der Stadt. Sie werden darin aufgefordert, ihre Hecken bis zur Grundstücksgrenze zurückzuschneiden. Grund: Der Fußgängerverkehr werde durch die Gewächse behindert, so das Schreiben, das der Landeszeitung vorliegt. „Das musste ich erstmal sacken lassen“, sagte Klemt. Bis Dienstag, 5. Juni, müssen die Bewohner der sieben Haushalte der Aufforderung nachkommen.

Laut Bundesnaturschutzgesetz ist es aber in der Zeit vom 1. März bis zum 30. September untersagt, Hecken zu beseitigen (Paragraf 39, Absatz 5, Satz 1, Nr. 2). Viele Bürger denken deshalb, das sie in der Zeit gar nicht zur Heckenschere greifen dürfen. Es gibt aber Ausnahmen: „Der jährliche Zuwachs von zehn Zentimetern darf abgeschnitten werden“, berichtet Michael Wittl vom Fachdienst Umwelt des Kreises Rendsburg-Eckernförde. Auch nach Auskunft von Frank Thomsen, Fachbereichsleiter Bau, ist ein Pflegeschnitt bei Rücksichtnahme auf die Tierwelt zulässig. Diesen hat die 90-Jährige allerdings schon vorgenommen – bevor sie das Schreiben der Stadt erhielt.

Klemt ist die Umwelt wichtig. Aus diesem Grund ist sie auch im Nabu aktiv. Das Naturschutzgesetz liegt ihr sehr am Herzen. „Ich habe bei der Nachbarin Vögel in die Hecke fliegen sehen.“ Allein aus diesem Grund sei sie hin- und hergerissen. „Ich möchte den Tieren nicht schaden.“ Ihre Nachbarin ist der Aufforderung seitens der Stadt bereits nachgekommen.

Als sie mit der Heckenschere den radikalen Schnitt vornahm, wurde FDP-Ratsherr Fritjof Wilken auf das Thema aufmerksam. Er wohnt in der Nebenstraße „An der Mühlenau“, wo ebenfalls Hecken auf den Gehweg ragen. Briefe von der Stadt habe dort aber niemand erhalten. Wilken wundert sich über das Verhalten der Stadt. „In ganz Rendsburg ragen die Hecken rüber.“ Ihm fehlt bei dem Vorgang die Bürgernähe. „Bei der Ortsbegehung hätte die zuständige Rathausmitarbeiterin mit den Bewohnern persönlich sprechen können.“ Auch eine Verkehrsgefährdung ist laut Wilken nicht erkennbar.

„Eine Kontrolle und eventuell auch eine Aufforderung zum Rückschnitt erfolgt im Einzelfall“, begründet Frank Thomsen die Vorgehensweise der Verwaltung. Dies geschehe entweder durch Hinweise aus der Bevölkerung oder durch Erkenntnisse seiner Kollegen. „Weiterhin kann dies ein Thema bei der Erteilung von Aufbruchgenehmigungen für Tiefbaufirmen sein, wenn der Verkehrsraum nicht mehr als nötig eingeengt werden soll.“

Trotzdem: Die 90-Jährige hält die Frist von zwölf Tagen für zu knapp. Thomsen zufolge ist der Arbeitsaufwand aber nicht unzumutbar, die Zeitspanne daher angemessen. Die Verkehrssicherungspflicht stehe im Vordergrund. Diesen Aspekt kann Dörte Klemt nicht nachvollziehen. „Ich wünsche mir eine schlüssige Begründung.“ Nicht zuletzt sei es schwer, kurzfristig Gärtner zu engagieren. „Soll ich mich mit 90 Jahren hinstellen und eine Hecke schneiden?“

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