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Trend zur Urne : Stirbt die alte Friedhofskultur?

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Der Trend ist ungebrochen: Vier von fünf Verstorbenen werden in einer Urne bestattet, nur noch jeder fünfte in einem Sarg. Der Grund: Das Urnenbegräbnis ist günstiger – und die Grabstätte einfacher zu pflegen.

shz.de von
erstellt am 14.Nov.2015 | 15:25 Uhr

Wer die Hauptwege des städtischen Friedhofs Klint in Rendsburg entlanggeht, könnte stellenweise meinen, sich in einem gewöhnlichen Park zu befinden: Zahlreiche Flächen des Friedhofs sind vollkommen frei von den klassischen Erdgräbern. Der Leerstand liegt laut Friedhofsverwalter Thomas Schlott bei etwa 50 Prozent. Kostendeckend ist der Betrieb schon seit langem nicht mehr. Den Hauptgrund sieht Schlott im anhaltenden Trend zur kostengünstigen Urnenbestattung.

„Bis Anfang der Neunziger hatte es noch mehr Sargbestattungen gegeben“, erinnert sich Schlott. „Dann kippte es. Und seit drei, vier Jahren haben wir 80 Prozent Urnenbestattungen.“ Er geht davon aus, dass dies auch in Zukunft so bleiben wird. Urnengräber sind allgemein günstiger als die klassischen Sargvarianten. Und auch bei diesen wählten die Menschen laut Schlott immer häufiger die günstigeren Angebote.

Die geringeren Kosten sieht er jedoch nicht als wesentlichen Grund: „Entscheidend ist für die Hinterbliebenen der geringere persönliche Pflegeaufwand der günstigeren Grabstellen.“ Die Familien wohnten heutzutage weiter verstreut und zögen häufiger um als früher. „Nur wenige können sagen, wo sie in zehn Jahren wohnen werden“, so Schlott. Angehörige können sich daher häufig nicht mehr ausreichend um die Gräber kümmern – und wählen Grabangebote mit geringem Pflegeaufwand.

Die gestiegene Lebenserwartung der Gesellschaft habe dagegen keine Auswirkung auf die Belegungszahlen von Friedhöfen. Denn es sterben nicht weniger Menschen, nur weil sie älter werden. „Die Auswirkungen der zahlenmäßig schwachen Kriegsjahrgänge der 20-er Jahre liegen nun langsam hinter uns, was sogar zu einem leichten Anstieg der Bestattungszahlen führt“, sagt Schlott. Dieser Anstieg könne den Rückgang der Einnahmen aufgrund der günstigen Gräber jedoch nicht auffangen.

Eine Verkleinerung des etwa zehn Hektar großen Friedhofsgeländes, um Kosten zu sparen, ist theoretisch denkbar, doch praktisch schwer umzusetzen. Das Problem: Gerade in den äußeren Bereichen des Geländes liegen aufwändige Grabstätten, deren Nutzungsrechte immer wieder verlängert werden. Und da besagte Gräber zugänglich bleiben müssen, müssen auch die ungenutzten Flächen, die zu ihnen führen, weiter gepflegt werden. Die Verkleinerung oder gar Schließung eines Friedhofs wäre nur mit einem jahrzehntelangen Vorlauf möglich.

Vor ähnlichen Problemen stehen die beiden kirchlichen Friedhöfe der Stadt. „Der Neuwerker und der Altstädter Friedhof sind jeweils zu etwa 30 bis 40 Prozent belegt“, sagt der zuständige Friedhofsverwalter Detlef Thiedemann. Auch hier würden die pflegeleichten Grabformen bevorzugt. Bei den beiden Friedhöfen haben Urnenbestattungen einen Anteil von etwa 70 Prozent. Oliver Schley, Verwalter des Altstädter Friedhofs: „Ich höre von den Älteren häufig, sie wollten den Kindern nicht zur Last fallen.“ Dennoch arbeite man kostendeckend, so Schley und Thiedemann. „Die alte Friedhofskultur geht ein Stück weit verloren“, sagt Schley. „Aber man muss eben auch mit der Zeit gehen.“

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