Stehende Ovationen für ein gewaltiges Werk

<dick>Orchester und Chor an St. Martin</dick> begeisterten mit Bachs Matthäus-Passion. Foto: Frank
Orchester und Chor an St. Martin begeisterten mit Bachs Matthäus-Passion. Foto: Frank

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29. März 2010, 03:59 Uhr

Nortorf | Die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach ist in jeder Hinsicht ein gewaltiges Werk mit sehr ernstem Inhalt, gewaltiger musikalischer Substanz und Besetzung: zwei Chöre, zwei Orchester, fünf Solisten und bis zu drei Stunden Aufführungsdauer.

Dargestellt wird mit drastischen Schilderungen menschlicher Verhaltensweisen die Leidensgeschichte Jesu nach dem Matthäus-Evangelium mit Verleumdung, Lügen, Mordkomplott oder Verhetzung des Volks. Dazu hatte Johann Sebastian Bach genau passend geniale Musik komponiert. Sie verstärkt und lässt nacherleben, was bereits die Worte ausdrücken. Fast auf den Tag genau nach 283 Jahren - die Uraufführung fand am Karfreitag 1727 in der Leipziger Thomaskirche statt - wurde man an diesem Abend in der Nortorfer St.-Martin-Kirche bereits auf das bevorstehende Osterfest eingestimmt, wozu das sorgfältig und aufwändig gestaltete Programmheft mit allen Texten einen wesentlichen Teil beitrug.

Die große Herausforderung meisterten Kirchenmusikdirektor Günter Bongert mit Chor und Orchester an St. Martin sowie die Gesangssolisten Bozena Harasimowicz (Sopran), Katja Pieweck (Alt), Michael Connaire (Tenor), Wilhelm Schwinghammer (Bass) und Timothy Sharp (Jesusworte) in bemerkenswerter Geschlossenheit. Auch wenn im zweiten Teil gelegentlich Konditionsgrenzen im Chor erreicht wurden, litt darunter der Gesamteindruck nicht. Der erste Teil mit der Schilderung des Verrats Jesu erhielt durch frisches Tempo erzählerischen Charakter, der zweite Teil mit der Kreuzigung und dem Tod Jesu wurde zu einer deutlichen mit- und nachfühlbaren Darstellung der Geschichte. Großen Anteil daran hatten die Solisten, die laut- und klangmalerisch das Gesungene verstärkten. Hier zeigte Michael Connaire deutlich hörbar die Möglichkeiten des Textes auf. "Sie schrieen aber noch mehr und sprachen", schrie er wirklich in die Kirche - erschreckend wurde hier nacherlebbar, was sonst als bloße Information aufgenommen wird.

Die Instrumente unterstützten die Stimmen klangmalerisch in der Darstellung des Unheils (Und die Erde erbebete, und die Felsen zerrissen). Die Chöre - hier etwa 90 Stimmen - sangen dazu die Choräle. Viele davon aus dem täglichen Kirchenleben bekannt, verleiteten sie so manchen zum leisen Mitsummen. Das war ganz anders als zu Bachs Zeiten. Damals sang die Gemeinde laut mit.

Auch ohne lautes Mitsingen entfaltete diese Matthäus-Passion in Nortorf wieder einmal ihre tiefe Wirkung. Oft flossen Tränen vor Ergriffenheit. "Wenn ich einmal soll scheiden" oder Wilhelm Schwinghammers Bass-Arie "Mache dich, mein Herze rein, ich will Jesum selbst begraben" wurden zum Schluss neben vielen anderen vorherigen zu weiteren emotionalen Höhepunkten dieses Abends. Wie auch der Schlusschoral "Wir setzen uns in Tränen nieder", der tief betroffen machte. "Bitte Stille - Glockengeläut": Zum Glück hielt dieser Hinweis im Programmheft unruhig wartende Sofortklatscher solange zurück, bis nach angemessener Pause und den Glocken punktgenau nach 21 Uhr das Dankeschön des Publikums als stehender Applaus diese Aufführung abschloss. "Es hat gut getan, auch wenn es etwas lang war", resümierte eine Zuhörerin. Für die Dauer des Werks konnten Günter Bongert und seine Künstler nichts. Dafür ist allein Johann Sebastian Bach verantwortlich - und für die alles überragende Wirkung dieses Werks.

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