Kontrolle in Lütjenwestedt : Spürnase mit High-Tech-Sonde

Exotischer Beruf: Seit drei Jahren ist Thomas Mergener als Gasspürer der Firma Enermess unterwegs.
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Exotischer Beruf: Seit drei Jahren ist Thomas Mergener als Gasspürer der Firma Enermess unterwegs.

Thomas Mergener überprüft im Kreis Rendsburg-Eckernförde das Gas-Leitungsnetz auf Schäden. Große Hochdruckleitungen, die über Land führen, werden von Hubschraubern abgeflogen.

shz.de von
08. August 2018, 17:58 Uhr

Lütjenwestedt | Etwas misstrauisch blickt die Frau hoch. „Ich will nur kurz Ihre Gasleitung kontrollieren. Zu Ihrer Sicherheit. Das ganze ist für Sie kostenlos“, sagt Thomas Mergener. „Kostenlos? Na, dann kommen Sie rauf.“ Nach einer Minute ist der Mann mit der Sonde dann auch schon wieder vom Grundstück verschwunden. Mergener ist Gasspürer und derzeit für die Firma Schleswig-Holstein Netz im Amt Mittelholstein unterwegs.

Mit der Sonde in der Hand, dem Gasspürgerät auf dem Rücken und einem Tablet vor dem Bauch geht es los. Das gute Wetter ist dabei Fluch und Segen zugleich. Hat es geregnet, sind keine Messungen möglich, die lange Trockenheit hat den Boden allerdings hart werden lassen. Da die Leitungen früher häufig in Lehm verlegt wurden, hat sich teilweise eine betonharte Kruste um die Rohre gebildet. „Ideal ist eine gewisse Restfeuchtigkeit“, sagt Mergener, der seit drei Jahren als Gasspürer unterwegs ist.

Eine Ausbildung im eigentlichen Sinne gibt es dafür nicht, sondern eine Qualifizierung. Die besteht darin, einen erfahrenen Kollegen 400 Kilometer zu begleiten. Danach schafft ein Gasspürer allein pro Jahr um die 800 Kilometer, im verregneten Sommer 2017 waren es nur 600 Kilometer. Die durchschnittliche Tagesleistung liegt bei sechs bis sieben Kilometern, da aber immer wieder Grundstücke betreten werden müssen, kann der Schnitt auch sinken, wenn der Hund, aber kein Herrchen zu Hause ist. Dann muss zu einem späteren Zeitpunkt nachkontrolliert werden.

In kleineren Gemeinden kündigt sich der Gasspürer vorher bei der örtlichen Polizeistation oder der Postbotin an: „Die kennt jeden und trägt die Information mit aus.“ Probleme für den „Fremden“ gibt es eher selten, doch ist dies von Region zu Region unterschiedlich. Speziell in Brandenburg gebe es häufiger die eine oder andere Diskussion.

Plötzlich ein wildes Piepen, das Gerät schlägt aus. Doch ist es nur ein Fehlalarm, der durch den Wechsel von Schatten in Sonne entstehen kann. Auch Katzenklos, Aufsitzrasenmäher, Klärgruben und Komposthaufen sorgen manches Mal für ein lautes Warnsignal. Mergener erklärt: „Bei Gas macht das Gerät keinen Unterschied, das zeigt alles an.“ Die Messgenauigkeit des Gerätes ist enorm: „In einem Stadion mit einer Million Menschen mit weißen Trikot würde die Sonde das rote Trikot finden.“ Anders gesagt: Unter einer Million Molekülen findet die Sonde das Gasmolekül.

Wenn es einen Hinweis auf ein Leck in einer Leitung gibt, muss die Schadensstelle lokalisiert werden und es wird kontrolliert, ob es sich sich wirklich um Erdgas handelt. Zu erkennen ist dies am darin enthaltenen Etan-Anteil. Wäre es kein Fehlalarm gewesen, hätte die Dringlichkeit klassifiziert und je nach Größe des Schadens gehandelt werden müssen. Bei den Kontrollen verlässt sich der Gasspürer nicht nur auf die Technik, Flecken im Gras oder veränderte Vegetation können ebenfalls ein Hinweis auf Beschädigungen an den Rohrleitungen sein. Deshalb werden die großen Hochdruckleitungen, die über Land führen, von Hubschraubern abgeflogen.

In welchen Intervallen kontrolliert wird, richtet sich nach der Anzahl der Leckstellen in einem Bereich. Natürlich spielen auch Alter und Material der Leitungen eine Rolle, aber „auch neue Autos können Unfälle haben“, vergleicht der Gasspürer und lacht. Unfälle ist dabei ist ein gutes Stichwort, denn so manches Mal schaffen es Hausbesitzer beim Setzen eines neuen Zauns mit größter Präzision genau die Gasleitung zu treffen.

Nach zwei Stunden ist der erste Abschnitt geschafft, zurück am Auto gibt es Wasser und eine Zigarette – weil es keine Hinweise auf Gaslecks am Ort gab, raucht sich diese doppelt sicher. „Aber Gas ist sowieso viel besser, als sein Ruf“, sagt Mergener und begibt sich wieder auf die nächste Runde.

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