Neue Chance : Sprache als Schlüssel zum Lehrvertrag

Ein festes Mitglied in der Werkstatt: Philip Boahen (17, rechts) aus Ghana bekommt von Werkstatt-Inhaber Helmut Pannek (MItte) einen Lehrvertrag. BBZ-Lehrer Jan Dammann wirbt dafür, dass mehr Flüchtlinge Praktika in Betrieben absolvieren können.
Ein festes Mitglied in der Werkstatt: Philip Boahen (17, rechts) aus Ghana bekommt von Werkstatt-Inhaber Helmut Pannek (MItte) einen Lehrvertrag. BBZ-Lehrer Jan Dammann wirbt dafür, dass mehr Flüchtlinge Praktika in Betrieben absolvieren können.

Ghanaer beginnt 16 Monate nach Ankunft in Deutschland mit Ausbildung in Autowerkstatt. Lehrer wirbt bei Betrieben um Praktika für Flüchtlinge.

shz.de von
06. Juli 2015, 06:00 Uhr

Was für viele Jugendliche nach der Schule auf Jahre hinaus unmöglich scheint, hat ein junger Flüchtling aus Ghana innerhalb von 16 Monaten geschafft: Philip Boahen (17) hat eine Lehrstelle. Innerhalb kürzester Zeit hat er sich die deutsche Sprache angeeignet und ein Praktikum absolviert. Ab dem 1. August beginnt er eine Ausbildung zum Kraftfahrzeug-Mechatroniker. Mit diesem Beispiel wirbt das Berufsbildungszentrum (BBZ) am Nord-Ostsee-Kanal bei Unternehmen der Region dafür, Praktika an junge Flüchtlinge zu vergeben. Das Argument: Die jungen Menschen aus dem Ausland sind besonders motiviert und leistungsbereit.

Lehrer Jan Dammann ist begeistert von seinem Schützling aus Westafrika. „Er hat grandiose Fortschritte gemacht“, sagt Dammann, Fachgruppenleiter für Deutsch als Zweitsprache am BBZ. Dort besucht Philip Boahen einen Kursus. Davor hatte er bereits bei der Volkshochschule etwas Deutsch gelernt, nachdem er im April 2014 nach Deutschland kam. Über seine Vergangenheit will er nicht viel sagen. Der heute 17-Jährige ist gemeinsam mit seiner Schwester nach Deutschland gekommen, als sein Vater in Ghana starb. Unter welchen Umständen das passierte, sagt er nicht. Die Geschwister wohnen nun bei ihrer Mutter in Rendsburg, die bereits seit acht Jahren in Deutschland ist. Das zweiwöchige Praktikum im Februar hat Philip über die Schulsozialarbeiterin am BBZ bekommen. Seitdem arbeitet er jeden Mittwoch in der Werkstatt von Helmut Pannek (65) an der Kollunder Straße. „Ich übernehme hier viele Aufgaben, zum Beispiel Öl- und Reifenwechsel oder räume das Werkzeug auf“, erzählt Philip mit Akzent, aber in fehlerfreiem Deutsch. Und der Umgang mit den Kollegen zeigt: Er ist bereits ein festes Mitglied der Werkstatt geworden. Das ist dem Chef Helmut Pannek sehr wichtig. „Neue Lehrlinge müssen zum Team passen. Und das ist bei Philip gegeben.“ Der Ghanaer verstehe zwar noch nicht alles, kleine Schwierigkeiten gebe es noch. „Aber es ist irre, wie gut er deutsch spricht“, so Pannek. „Enorm, was er geleistet hat.“ Der Lehrzeit sieht der Werkstatt-Inhaber deshalb gelassen entgegen. „Wir haben schon viele Ausländer ausgebildet, etwa Portugiesen und Russen.“ Nachdem einer der beiden künftigen Lehrlinge dieses Jahres wieder abgesagt hatte, habe er Philip einen Vertrag angeboten, „weil er so ein netter Kerl ist“ und seine Aufenthaltsgenehmigung im Oktober ablaufe. Den Beginn der Lehre kann Philip kaum erwarten. „Ich freue mich sehr darauf.“ Er habe schon immer an Autos arbeiten wollen. Jan Dammann glaubt, dass noch viele weitere seiner Schützlinge wegen des Fachkräftemangels für Unternehmen der Region ein Gewinn sein können. „Die Betriebe bekommen gutes, arbeitswilliges Personal und die Flüchtlinge die Chance, sich zu beweisen und zu integrieren“, sagt der Lehrer. Obwohl sie sich ständig Sorgen um Aufenthaltsgenehmigungen und Arbeitserlaubnisse machen müssen, zeigen sie ein „hohes Maß an Motivation und Leistungsbereitschaft“, so Dammann.

Seit einem Jahr bietet das BBZ einen Deutsch-als-Zweitsprache-Kursus an. „Viele der Schüler zwischen 17 und 20 Jahren sind Flüchtlinge und haben teilweise Unglaubliches durchlebt, um in das sichere Deutschland zu gelangen“, sagt Dammann. Inzwischen seien mehr als 40 Schüler für eine Klasse angemeldet, die für 15 Teilnehmer vorgesehen war. Im kommenden Schuljahr soll es drei Klassen geben. Deshalb wurde ein Netz mit dem Verein Umwelt-Technik-Soziales und der Volkshochschule gebildet, das um die Wirtschaft erweitert werden soll.

>Ausbildungsbetriebe in der Region, die einem Flüchtling einen Praktikumsplatz anbieten wollen, können sich unter Tel. 0  43  31/4  34  08  62 oder per E-Mail unter info@bbz-nok.de melden.

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