Transplantation : Spenderherz aus Rendsburg rettet Patienten in Mailand

Transplantation einer Niere: Operationen dieser Art werden in Deutschland vor allem in Universitätskliniken vorgenommen.
Transplantation einer Niere: Operationen dieser Art werden in Deutschland vor allem in Universitätskliniken vorgenommen.

Imland-Chefarzt Pulkowski: Viele Menschen scheuen das Thema Organspende.

shz.de von
03. Juni 2018, 11:24 Uhr

Rendsburg | Wenn es um Organspenden geht, zählt jede Minute. Der jüngste Fall aus der Region ist erst wenige Tage her. Ein junger Mann erleidet bei einem Unfall so schwere Verletzungen, dass sein Gehirn irreparable Schäden davonträgt. In der Imland-Klinik wird später der Hirntod festgestellt. Die Angehörigen sind damit einverstanden, die Organe des jungen Mannes zu spenden. Sein Herz wird einem Patienten aus Mailand das Leben retten.

Der gestrige Sonnabend war der Tag der Organspende. Professor Dr. Ulrich Pulkowski weiß, dass viele Menschen diesem Thema mit einer gewissen Scheu begegnen. „Denn es bedeutet die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod“, sagt der Chefarzt der Imland-Neurologie. Wie schwer das den Deutschen fällt, kann man daran erkennen, dass nur 36 Prozent einen Organspenderausweis besitzen. Auf eine Million Einwohner kommen zehn Organspenden. Damit bildet Deutschland das Schlusslicht in Europa. Spitzenreiter ist Spanien. Dort liegt der Vergleichswert bei 40 Spenden.

Allein in der Bundesrepublik warten 10 000 Menschen auf ein Spenderorgan. „Jeden Tag sterben bis zu vier der Betroffenen“, sagt Pulkowski. 2017 wurden deutschlandweit nur 800 gestorbenen Menschen Organe entnommen, statistisch 3,3 Organe pro Patient. Herz, Lungen, Nieren und die Leber werden am dringendsten benötigt.

Professor Pulkowski ist Transplantationsbeauftragter der Klinik. Wenn ein verstorbener Patient als Spender in Frage kommt, setzt sich der Arzt mit der Stiftung Organspende in Verbindung. Dann werden die Patienteninformationen in eine große Datenbank namens Eurotransplant eingegeben. Acht Länder in Europa sind daran angeschlossen. „Wir erfahren sehr schnell, ob es für die Organe einen passenden Empfänger gibt“, berichtet Pulkowski.

Im Fall des verstorbenen jungen Mannes stellte sich heraus, dass sein Herz in der Brust eines schwerkranken Patienten aus Mailand weiterschlagen könnte. Ein Herzchirurg aus der italienischen Metropole wurde daraufhin mit einem kleinen Jet nach Schleswig-Holstein geflogen. In Jagel konnte er landen. Pulkowski: „Die Luftwaffe ist immer sehr hilfsbereit. Wenn es sich um einen medizinischen Notfall handelt, machen die sogar nachts die Landebahn klar.“ In der Imland-Klinik explantierte Pulkowskis italienischer Kollege das Herz. „Es ist wichtig, dass der Chirurg, der implantiert auch explantiert.“ Das Herz kam in ein Spezialbehältnis. Dann fuhr der Arzt damit im Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn zurück nach Jagel. Das Herz ist das empfindlichste aller Organe. Maximal vier Stunden kann es außerhalb eines Körpers am Leben gehalten werden. Nach dem Rückflug nach Mailand wurde es dem herzkranken Patienten sofort eingesetzt.

Die Tragik eines Todes und das Glück eines Patienten, der dem Tod von der Schippe gesprungen ist, sind die zwei Seiten der Organspende. Professor Pulkowski freut sich, dass immer mehr Menschen die Bedeutung erkennen. „Wenn kein Organspenderausweis vorliegt und wir die Familie um die Erlaubnis zur Organentnahme bitten, sagt mehr als jeder zweite Angehörige ja.“ Auch die Kirchen haben frühere Vorbehalte in Bezug auf die Unversehrtheit des Leibes längst aufgegeben. Chefarzt Professor Pulkowski: „Die evangelische und die katholische Kirche sagen beide, dass es sich bei der Organspende um die höchste Form der Nächstenliebe handelt.“

Nur wenige Verstorbene als Spender geeignet

Von 1000 Verstorbenen kommt durchschnittlich nur einer als Organspender in Frage. Voraussetzung ist die sehr seltene Hirntod-Diagnose. Erst wenn das Gehirn für tot erklärt wird, aber die Organe noch funktionieren, dürfen diese entnommen werden und können transplantiert werden – sofern dies dem letzten Willen des Patienten entspricht bzw. seine Angehörigen zugestimmt haben. „Die Diagnose Hirntod ist die sicherste in der Medizin überhaupt“, sagt Professor Dr. Ulrich Pulkowski. Zwei Fachärzte mit Intensiverfahrung (einer davon muss Neurologe sein) untersuchen den Patienten unabhängig voneinander nach einem aufwändigen Verfahren. Kommen sie beide unabhängig zu dem Schluss, dass das Gehirn tot ist, müssen sie die Untersuchung nach maximal 72 Stunden wiederholen. Wird das erste Ergebnis bestätigt, erklären sie den Patienten offiziell für hirntot. Das ist der offizielle Todeszeitpunkt. Die Ärzte, die diese Untersuchung vornehmen, dürfen gesetzlich weder an der Entnahme noch an der Implantation der Organe beteiligt sein.

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