Spannende Zeitreise einer Schülerin

Nicht mehr viel zu erkennen: Johanna Groth-Jansen an der Weltkarte, die einst von französischen Kriegsgefangenen an eine Schuppenwand gemalt wurde. Foto: Kühl
Nicht mehr viel zu erkennen: Johanna Groth-Jansen an der Weltkarte, die einst von französischen Kriegsgefangenen an eine Schuppenwand gemalt wurde. Foto: Kühl

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14. Februar 2011, 06:48 Uhr

JAHRSDORF | Auf eine spannende Zeitreise in die Vergangenheit hat sich Johanna Groth-Jansen im Rahmen des "ZiSch"-Projekts begeben. Bei den Recherchen zu ihrem Artikel für die Landeszeitung stieß die Gymnasiastin keine 500 Meter von ihrem Elternhaus auf die so gerade noch erkennbaren Konturen einer Weltkarte, welche französische Gefangene einst an die Wand des Schuppens malten, der ihnen in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs als Behausung diente.

"Die vergessene Weltkarte" lautet der Titel, den Johanna Groth-Jansen ihrem "ZiSch"-Artikel gegeben hat. Dafür dass das wenige, was man noch über die Zeichner dieser "vergessenen Weltkarte" weiß, nicht vergessen wird, hat die zwölfjährige Gymnasiastin mit ihren Nachforschungen gesorgt. Entstanden ist Johannas Bericht im Rahmen des "ZiSch"-Projekts, und Auslöser für ihre Zeitreise in die Jahrsdorfer Vergangenheit war kurioserweise ein aktueller Landeszeitungs-Artikel über die Tumulte in Tunesien. Von November bis Ende Januar wurde die 7b der Hohenwestedter "Schule Hohe Geest" an jedem Schultag mit der neuesten Ausgabe der Landeszeitung beliefert. Bei der Lektüre eines Berichts über die Proteste in Tunesien stolperten die Gymnasiasten über den Begriff "Regime". "Von Regime kamen wir auf Diktatur und Diktator und von da dann auf Hitler und den Zweiten Weltkrieg", erklären Johanna und ihre Mitschülerin Lisanne Reese. Deutschlehrerin Inke Boye, die wie Johanna und Lisanne in Jahrsdorf wohnt, erteilte einen Rechercheauftrag für eine spannende Geschichte. "Unsere Lehrerin hat erzählt, dass es in Jahrsdorf angeblich eine von Kriegsgefangenen gemalte Weltkarte geben soll", berichtet Johanna, "und dann hat sie mich gefragt, ob ich zu dem Thema einen ZiSch-Artikel schreiben könnte."

Als Johanna diese Weltkarte dann im Schuppen eines Gebäudes direkt an der B 77 zum ersten Mal sah, war sie zwar etwas enttäuscht, weil die Konturen der Zeichnung nur noch ganz schwach zu erkennen sind. Gleichzeitig war die Siebtklässlerin aber auch sehr beeindruckt von dem zwei Quadratmeter großen Wandgemälde: "Ich finde das erstaunlich, dass jemand aus der freien Hand so eine detaillierte Karte zeichnen konnte." Johanna interviewte die aktuellen Besitzer des Hauses (Familie Bracker) sowie die Vorbesitzer (Familie Bruhn) und fand heraus, wie die Weltkarte vor 20 Jahren wieder ans Tageslicht kam: "Bei Umbauarbeiten ist Britta Bruhn mit der Schulter gegen die Wand gestoßen, hat sich über Striche gewundert, die da zu erkennen waren, und dann ist die ganze Karte vorsichtig freigelegt worden."

Um mehr über den oder die Schöpfer dieser Weltkarte zu erfahren, wandte sich Johanna an ihren Großvater Klaus Heinrich Groth-Jansen (Jahrgang 1936). In dem Schuppen war von etwa 1942 bis 1945 eine Gruppe von 20 bis 30 französischen Kriegsgefangenen untergebracht, weiß Jahrsdorfs Ehrenwehrführer noch. "Die Franzosen sind hier gut behandelt worden", sagt Klaus Heinrich Groth-Jansen, "die sind nach dem Krieg sogar noch ein paar Mal hier zu Besuch gewesen, weil sie in Jahrsdorf echte Freundschaften geschlossen hatten." Auch dass die Gefangenen das Kriegsende mit dem Hissen der französischen Flagge feierten, konnte die "ZiSch"-Reporterin von ihrem Großvater erfahren.

Ihre Suche nach weiteren auskunftsfreudigen Zeitzeugen blieb indes relativ erfolglos. "Sonst habe ich nicht so viel herausgefunden", vermerkt Johanna, "die Leute reden auch nicht so gern über diese Zeit." Warum haben die Kriegsgefangenen ausgerechnet eine Weltkarte an die Wand ihres Gefängnisses fern der Heimat gemalt? "Das war für sie ein Symbol der Freiheit", meinen Johanna und Lisanne. Wenn man ganz genau auf den Europa-Teil der Weltkarte schaut, kann man ein Netzwerk von roten Linien erkennen, das vielleicht auf ein noch konkreteres Motiv für die Wandmalerei hinweist. Womöglich diente die Zeichnung den französischen Gefangenen vor allem dazu, in den letzten Kriegsmonaten die Frontverschiebungen festzuhalten, die ihnen die Freiheit bringen sollten: Die gerade noch auszumachenden roten Linien könnten das stetige Vorrücken der Roten Armee darstellen.

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