Jugendszene : Sozialarbeit bekommt mit ihr Gesicht

Kein Tattoo – nur aufgemalt: Sonja Seelow kennt die Probleme der jungen Rendsburger.
Kein Tattoo – nur aufgemalt: Sonja Seelow kennt die Probleme der jungen Rendsburger.

Drogen, Alkohol, Spielsucht, Gewalt: Sonja Seelow (30) hat es mit Extremfällen zu tun / Wohnungssuche das Hauptproblem

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18. Februar 2018, 10:59 Uhr

Etwas unsicher betritt ein 13-jähriger Junge die Räume des „Familienzentrums A4“ im Rendsburger Stadtteil Rotenhof. „Wir machen erst in einer Stunde auf“, sagt die junge Frau mit der auffälligen Gesichtsbemalung. Er darf sich trotzdem in die Sofaecke setzen. „Besser, er ist hier bei uns, als auf der Straße“, meint Sonja Seelow. Die 30-Jährige arbeitet für das Projekt „Jugend stärken im Quartier“ und hilft Jugendlichen in Rendsburg dabei, wieder auf die richtige Bahn zu kommen.

Seit fast drei Jahren ist Sonja Seelow in Rotenhof für die sogenannte aufsuchende Jugendsozialarbeit zuständig. Mithilfe des von der EU geförderten Projektes werden Jugendliche zwischen zwölf und 26 Jahren beim Übergang von der Schule in den Beruf begleitet. Zielgruppe sind Betroffene, die den Kontakt zu den offiziellen Stellen meiden oder ihn abgebrochen haben. Konkret bedeutet das für Sonja Seelow, dass sie es mit Extremfällen zu tun hat: „Die Kinder und Jugendlichen kommen aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien. Drogen, Alkohol, Spielsucht, Gewalt – all das ist leider Alltag in vielen Familien in Rendsburg.“

Werte und Normen sind den Jugendlichen oft fremd. Von der Familie haben sie häufig viel Negatives gelernt. Schnell werden sie kriminell, obdachlos, gewalttätig. Viele von ihnen kämpfen zudem mit psychischen Problemen. Sonja Seelow will ihnen wieder eine Perspektive geben. Sie begleitet die Jugendlichen bei Behördengängen und zum Arzt, spricht mit Lehrern oder Eltern, unterstützt bei den Hausaufgaben und hilft bei der Suche nach einem Job, Ausbildungs- oder Praktikumsplatz.

Die Wohnungssuche steht häufig ganz oben auf der Agenda. Denn für viele Jugendliche ist es zunächst notwendig, Abstand zu den Eltern zu gewinnen. Das Problem: Es gibt laut Seelow in Rendsburg keine Wohnungen für unter 25-Jährige, die von der Agentur für Arbeit bezahlt werden. „Ich versuche dann, Ausnahmen beim Amt durchzusetzen oder Wohngemeinschaften zu vermitteln.“

Knapp 50 Rendsburger hat sie bisher über das Projekt offiziell begleitet. Momentan sind es rund 25. Sie trifft die Jugendlichen dort, wo sie sind – nämlich auf der Straße, an Bushaltestellen oder im Jugendtreff. „Über eine Zigarette“ und mit Smalltalk kommt man ins Gespräch. „Am besten ist es, wenn eine Gruppe zusammensteht und ich einen von ihnen bereits kenne. Ich komme dann ganz unverbindlich dazu“, berichtet sie aus der Praxis. „Sie sind zwar zu Beginn immer skeptisch, aber auch unglaublich neugierig. Über meine auffällige Schminke gelingt der lockere Einstieg.“ Wollen sie sich dann auch helfen lassen, läuft der Kontakt meist über einen Smartphone-Messenger.

Ihre Erfolgsgeschichten sind das, was die 30-Jährige immer wieder aufs Neue antreibt. Mehreren Jugendlichen hat Sonja Seelow schon helfen können, ihren Hauptschulabschluss nachzuholen oder einen Ausbildungsplatz zu bekommen. „Diesen Ansporn braucht man in dem Job jeden Tag aufs Neue. Denn es gibt im Alltag natürlich auch immer wieder Rückschläge. Jugendliche, von denen man glaubte, sie hätten die Kurve gekriegt, die dann plötzlich doch wieder auf der Straße landen.“ Daher freut sie sich auch über kleine Erfolge – etwa, dass sich ein 16-jähriges Mädchen endlich dazu entschlossen hat, zu ihrem Bruder zu ziehen. „Alles, was man den Kindern und Jugendlichen gibt, bekommt man zehnfach zurück. Das ist es auf jeden Fall wert.“

Ende des Jahres läuft das Projekt aus. Sonja Seelow hofft inständig, dass erneut Mittel bereitgestellt werden und die Arbeit weiterlaufen kann. „Ich weiß nicht, was mit den Jugendlichen passiert, wenn wir plötzlich aufhören.“
 

Das Projekt „Jugend stärken im Quartier“

> Das Projekt „Jugend stärken im Quartier“ (Laufzeit 2015 bis 2018) wurde ins Leben gerufen, da es der Schulsozialarbeit an Kapazitäten fehlte, die Phase „Übergang Schule und Beruf“ zu besetzen. In Rendsburg sind eineinhalb Stellen für die aufsuchende Sozialarbeit vorgesehen – eine halbe Stelle davon jeweils in Rotenhof, Mastbrook sowie Schleife/Parksiedlung. Bezahlt wird die Arbeit zur Hälfte mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Mehr Infos auf: www.jugend-staerken.de.

> Wie wichtig die Sozialarbeit schon bei den Heranwachsenden ist, belegt folgende Zahl: Der Anteil der Kinder und Jugendlichen (bis 15 Jahre), deren Eltern von Grundsicherung für Arbeitslose (Hartz IV) leben, beträgt in Rendsburg 38,8 Prozent. Zum Vergleich: Bundesweit sind es 14,6 Prozent.

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