Nortorf: „Kirchspiels Gasthaus“ : Sitz der Kirchenvoigte und Bierbrauer

Zwei in einem: Der rechte Gebäudeteil besteht aus dem ehemaligen Altenteil der Landwirtschaft, die früher noch von den Gasthaus-Besitzern betrieben wurde.
1 von 6
Zwei in einem: Der rechte Gebäudeteil besteht aus dem ehemaligen Altenteil der Landwirtschaft, die früher noch von den Gasthaus-Besitzern betrieben wurde.

Das Gasthaus in Nortorf blickt auf eine lange Geschichte zurück. Einst hatte der Kirchenvoigt hier seinen Sitz. Inzwischen werden Hotel und Restaurant In der sechsten Generation von der Familie Heescheng geführt.

von
21. Juli 2015, 12:00 Uhr

Der Name kommt nicht von ungefähr. Nur wenige Schritte sind es von der Kirche St. Martin im Nortorfer Ortskern bis zu „Kirchspiels Gasthaus“. Ulf Heeschen hat eine dicke Chronik vor sich liegen: „Seit 161 Jahren ist der Betrieb im Familienbesitz“, erklärt er und blättert in dem gewaltigen Werk. „Aber die Geschichte des Hauses geht fast 400 Jahre zurück.“ Heeschens Großvater Markus hat ausgiebig Ahnenforschung betrieben und jetzt kann sich der 32-jährige Chef des Hauses auf die umfangreichen Aufzeichnungen stützen.

Ulf Heeschen liest: „Zur Besoldung des Voigts gehörte auch   .  .  .   der Kirchspielskrug, den es schon weit vor dem 17. Jahrhundert gab“. Das hat er nicht gewusst. „In dieser Wirtschaft wurden die Kirchenrechnungen abgehalten. ... Bei der Ablieferung des Kirchenroggens und der Steuerlasten wurden die Pflichtigen des gesamten Kirchspiels mit Bier, Speck und Brot bewirtet“.

Später kehrten dann die Kirchenbesucher nach dem Gottesdienst hier ein. „Hinter dem Haus gab es Ställe und Tränken“, erzählt Ulf Heeschen. Kein Wunder – im vergangenen Jahrhundert noch war der Ortskern sehr dörflich. Und zum Gasthaus gehörte eine Landwirtschaft, die erst nach einem Umbau zu Beginn der 60er Jahre aufgegeben wurde. Die meisten „Krüger“ übten einen Zweit- oder Drittberuf aus.

Durch die Heirat von Marx Heeschen aus Homfeld mit der Gastwirt-Tochter Catharina Maria Beckmann am 11. April 1854 gelangt der Krug in den Besitz der Familie Heeschen. Marx war Achtelhufner (also Landwirt), Bierbrauer, Branntweinbrenner und Krüger, heißt es in der Chronik. Das Brauen wurde 1898 eingestellt. Durch die Massenproduktion von Bier und Wein war dieses Geschäft nicht mehr lukrativ.

Dafür kam dann ein anderer Nebenerwerb dazu. Weil Pferde vorhanden waren, wurde ein Leichenwagen in Neumünster hergestellt. „Mein Opa war auch noch Leichenwagenfahrer“, weiß Ulf Heeschen. Dieses Geschäft wurde in den 60er oder 70er Jahre aufgegeben. Allerdings: „Daraus resultiert heute noch, dass wir die Sargträger der Gemeinde mit Mänteln und Garderobe ausstatten“, erzählt der heutige Gasthaus-Chef. Dass es, wie in der Landwirtschaft üblich, ein Altenteil gab, ist nur noch an der Adresse abzulesen: Die Nummer 9 in der Großen Mühlenstraße bildet mit dem ehemaligen Altenteil Nummer 11 jetzt eine Einheit. Ständig wurde umgebaut und modernisiert. „In wirtschaftlichen schwierigen Zeiten lief der Saalbetrieb nicht so gut“, weiß Heeschen. Daher wurden 1928 im oberen Stockwerk Hotelzimmer eingebaut. Zwanzig Zimmer gibt es inzwischen, aber der Gastronomiebetrieb hat immer noch das größte Gewicht, so der Chef. Beim Naturgenuss-Festival ist das Gasthaus von Anfang an dabei und seit vergangenem Jahr ziert auch die Feinheimisch-Plakette das Haus.

Ulf Heeschen führt den Betrieb jetzt in der sechsten Generation. Wann er sich für die Gastronomie entschied, erinnert er nicht mehr. „Ganz bewusst“ absolvierte er eine Ausbildung zum Koch, studierte später Hotelwirtschaft und stieg früher als geplant ins Unternehmen ein, als sein Vater krank wurde. Aus der Wohnung über der Gaststube wird er mit seiner Familie demnächst ausziehen. Hier sollen drei weitere Hotelzimmer entstehen. Auch ein neuer Empfangsbereich ist geplant.

Kleine Chronologie

> Seit 1854 im Besitz der Familie: Marx und Catarina Heeschen > 1868 wurde das Haus neu gebaut > Seit 1928 Hotel > 1978 Übergabe an Karsten Heeschen

> Seit 2009 Ulf Heeschen, 2012 offiziell übergeben

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen