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Wohl keine Rückkehr 2016 : Schwebefähre: „Ein wirtschaftlicher Totalschaden“

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Aus der Redaktion der Landeszeitung

Der Großteil der Schwebefähre ist nicht mehr reparabel. Das Kanalamt garantiert trotzdem die Wiederaufnahme des Betriebs.

Rendsburg | Die Schwebefähre wird wahrscheinlich länger ausfallen als zunächst angenommen. Zu dieser Einschätzung kommt Bürgermeister Pierre Gilgenast nach einer Besichtigung des historischen Verkehrsmittels auf dem Bauhof des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA) Kiel-Holtenau. „Die Schwebefähre so zu sehen, tut weh“, sagte der Rendsburger Verwaltungschef mit Blick auf das in seine Einzelteile zerlegte Wahrzeichen.

Am 8. Januar war die Rendsburger Schwebefähre bei einer Kollision mit einem Frachter stark beschädigt worden. Das Rendsburger Wahrzeichen liegt seit Mitte März stark lädiert auf dem WSA-Gelände an der Blenkinsopstraße. Sie ist 102 Jahre alt.

Gilgenasts Fazit nach dem Ortstermin: „Wir haben erst heute von der Schwere der Schäden an allen drei Teilen der Schwebefähre erfahren und glauben, dass ihr Ausfall über dieses Jahr hinausreichen wird.“ Von einem „wirtschaftlichen Totalschaden“ sprach Matthias Visser, Sachbereichsleiter im WSA. „Die Schwebefähre ist überwiegend zerstört. Nur einen Teil können wir weiter verwenden.“ Nicht nur der Fährkörper, auch der obere Fahrwagen habe sich verzogen, als die Schwebefähre durch den Frachter „Evert Prahm“ förmlich in die Höhe geschleudert wurde. Bei den Vermessungsarbeiten habe man an mehr als 50 Prozent der Stahlteile Abweichungen vom normalen Zustand festgestellt, hießt es am Montag.

Millimeter-Arbeit: Vermessungstechniker Ulrich Vogel am Wrack der Schwebefähre. Mit modernem Gerät können geringste Abweichungen am Chassis nachgewiesen werden.
Millimeter-Arbeit: Vermessungstechniker Ulrich Vogel am Wrack der Schwebefähre. Mit modernem Gerät können geringste Abweichungen am Chassis nachgewiesen werden. Foto: Höfer
 

Die gute Nachricht in der schlechten schickte Diplom-Ingenieur Visser gleich hinterher: Sicher sei, dass der Stahlbau repariert oder ersetzt werden könne. „Die Finanzierung ist gesichert, der Bund wird das bezahlen.“ Ziel sei, nicht nur die zerstörten Teile wieder herzustellen. Man wolle auch die Steuerung, die Maschinentechnik und den auf der Hochbrücke auf Schienen laufenden Oberwagen nach rund 20-jährigem Betrieb einer grundlegenden Instandsetzung unterziehen. Diese war eigentlich erst für 2019 geplant. Ob sie um drei Jahre vorgezogen werden kann, werde nicht in seiner Behörde entschieden, erklärte Visser. Hier habe die Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt in Bonn das letzte Wort.

Auf einen Zeitpunkt, wann die Schwebefähre wieder den Betrieb aufnehmen kann, wollte sich Visser nicht festlegen. „Das WSA wird nach Abschluss der Inspektion die Entwürfe und Leistungsbeschreibungen aufstellen und alle Arbeiten an Fachfirmen vergeben.“ Erst in Abstimmung mit den ausführenden Unternehmen könne über den Zeitpunkt der voraussichtlichen Inbetriebnahme etwas gesagt werden. „Schnellstmöglich“ sei die Vorgabe in seiner Behörde, so Visser.

Ein Riss in der obersten Farbschicht, die vor Rostfraß schützen soll. Er entstand im Moment der Kollision, als alle tragenden Teile der Schwebefähre verformt wurden.
Ein Riss in der obersten Farbschicht, die vor Rostfraß schützen soll. Er entstand im Moment der Kollision, als alle tragenden Teile der Schwebefähre verformt wurden. Foto: Höfer
 

Die traditionelle Niettechnik kommt bei der Reparatur nicht mehr zum Einsatz. Stattdessen wird geschweißt. Folge: Auch die charakteristischen Nietköpfe verschwinden. „Das historische Erscheinungsbild wäre damit weg“, sagte Gilgenast. Ob dadurch Nachteile für die Bemühungen um den Status als Unesco-Weltnaturerbe entstehen, ist offen. „Auf jeden Fall werde ich die Kultusministerin jetzt darüber informieren.“

Fest steht, dass die Kanalverwaltung ab Juni eine einsatzbereite Ersatzfähre auf dem Wasser anbieten will. Sie soll jedoch nur bei Bedarf verkehren. Dieser ergibt sich nach Definition des WSA, sobald einer der Fahrstühle im Fußgängertunnel ausfällt – entweder aufgrund von Wartungsarbeiten oder unplanmäßig wegen einer technischen Panne. Ein Betrieb nach Fahrplan ist vom Tisch, ihn hält man im WSA für nicht nötig. Visser: „Der Fußgängertunnel hat eine sehr hohe Leistungsfähigkeit.“ Über einen Ersatzverkehr während großer Veranstaltungen wie dem Rendsburger Herbst oder der Norla laufen die Verhandlungen.

Hintergrund: Die Ermittlungen zum Unglück

Warum es zu dem Zusammenstoß zwischen der Schwebefähre und dem Frachtschiff kam, ist weiterhin offen. Die Ermittlungen könnten sich noch bis ins kommende Jahr hinziehen. Die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) untersucht die technische Seite der Havarie. Lag ein Fehler in der Technik der Schwebefähre vor? Und wäre es möglich gewesen, dass der Frachter rechtzeitig gebremst hätte oder ausgewichen wäre?

Einen Zeitpunkt für den Abschluss der Ermittlungen kann man bei der Behörde nicht nennen. „Wir sind grundsätzlich gehalten, Untersuchungen innerhalb eines Jahres abzuschließen“, so Volker Schellhammer, der Direktor der BSU. „Das ist aber nicht immer einzuhalten.“ Man sei bemüht, so schnell wie möglich zu arbeiten, heißt es aus der Behörde mit Sitz in Hamburg. Gründlichkeit gehe aber vor.

Für die Untersuchung eventuellen menschlichen Fehlverhaltens ist die Staatsanwaltschaft in Kiel zuständig. In dem Fall geht es um den Verdacht eines gefährlichen Eingriffs in den Schiffsverkehr sowie mögliche fahrlässige Körperverletzung durch den Führer der Schwebefähre. Der 52-Jährige wurde selbst schwer verletzt und erlitt unter anderem einen Beinbruch. Sein einziger Passagier kam leicht verletzt davon. Auf dem Schiff kam niemand zu Schaden. Ein Ende der Ermittlungen ist auch bei der Staatsanwaltschaft noch nicht abzusehen.

 
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erstellt am 11.Apr.2016 | 11:40 Uhr

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