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Hanerau-Hademarschen : Schimmelreiter setzt ein Denkmal

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Letzter Teil der Trilogie feierte Premiere. Ein ganzes Dorf war an der Aufführung beteiligt. Zuschauer erleben Wechselbad der Gefühle.

Es gibt Phänomene, die lassen sich nur schwer in Worte fassen. Was derzeit auf Gut Hanerau passiert, gehört dazu. Seit drei Jahren spielt der Ort seinen Schimmelreiter. Zu Ehren des Dichters Theodor Storm und seiner berühmten Novelle, die er kurz vor seinem Tod in Hanerau-Hademarschen verfasste. Nun haben die Aufführungen zum letzten Teil der Theater-Trilogie „Stolz und Abgrund“ begonnen. Freitag feierte das lang erwartete Finale Premiere und machte vor allem eins: sprachlos. Vor Begeisterung über das großartige Gesamtkunstwerk, über die Professionalität und Spielfreude eines jeden Darstellers, über die einzigartige Atmosphäre, die Kulisse, die Spannung und Dramatik und über die wechselnden Emotionen. Sprachlos vor Glück, Teil dieses Phänomens gewesen zu sein sowie vor Respekt und Hochachtung vor dem, was die Menschen vor Ort vor und hinter den Kulissen geschaffen haben. „Es ist wie ein Kochrezept zu einem außergewöhnlichen Gericht: Sie können die Zutaten beschreiben und sagen, dass es gut schmeckt. Probieren muss es letztendlich jeder selber“, formuliert es der Kulturbeauftragte des Kreises Rendsburg-Eckernförde, Reinhard Frank.

Waren Teil 1 und 2 Vorspeise und Hauptgericht, folgt nun mit Teil 3 der krönende Abschluss. Das Dessert mit Sahnehäubchen. Im dritten Teil wird es nämlich dramatisch. Deichgraf Hauke Haien (Jürgen Warnholz) lässt seinen Kindheitstraum von einem eigenen Deich Wirklichkeit werden. Dieser soll die Dorfbewohner noch besser vor den Fluten der Nordsee schützen. 100 Jahre wird er halten. Und ihnen neues Land schenken. „Ein Segen“, sagen die einen im Dorf, „ein Fluch, Teufelswerk“ die anderen. „Er wird Unheil über uns bringen“, meinen viele der Dorfbewohner. „Was schwimmt denn da weg? Ins Meer hinaus. Ein Zeichen? Eine Ahnung?“ Stolz ist er, der Deichgraf, ein Schinder, der die Deicharbeiter mit harter Hand von seinem Schimmel aus antreibt. Er überhöht sich, „er ist sein eigener Gott“, lästern die Dorffrauen. Der Zuschauer weiß es bald besser: Hinter der harten Schale des Deichgrafs offenbart sich ein weicher, verletzlicher Kern. Er fängt an, an sich und seinem Traum zu zweifeln, wird fast verrückt. Halt bietet seine Frau Elke (Swantje Bues) mit Baby Wienke. Doch auch sie schafft es mit ihrer grenzenlosen Liebe nicht, dem Deichgraf Einhalt zu gebieten und ihn von seinen Plänen abzubringen – das Unglück nimmt seinen Lauf.

Wer sich als Zuschauer auf das Spiel um Deichgraf Hauke Haien, seiner Frau Elke und den Mythos Schimmelreiter einlässt, erlebt ein Wechselbad der Gefühle: Das Stück ist traurig, lustig, spannend, rührend, dramatisch, unheimlich, magisch, ergreifend, komisch. Der Theaterexperte spricht von dramatischer Fallhöhe. Eben noch erheiterte das Gebaren der Hauptmagd Ann Grete (Sandra Ingwersen) das Gemüt, da droht schon der nächste Ärger am Deich, eskaliert brutal in Wutausbrüchen und Geschrei. Danach wieder Stille. Unheimliches spielt sich auf der Sandbank im Watt ab. Ein Geisterpferd. Oder doch nicht? „Es geht kein Pferd auf Jeversand.“

Sprache und Kulisse sind auf das Wesentliche reduziert und doch so intensiv in ihrer Wirkung. Aus den einzelnen Fragmenten setzt sich wie in einem Puzzle das Bild zum großen Ganzen zusammen. Das Spiel der Emotionen wird durch Licht und Klang unterstützt. Wellenschlag, ein Wispern im Watt, Wind und Sturm. Zwischen den Worten folgen oft lange Pausen, die die Spannung verstärken und den Zuschauern die Möglichkeit geben, das Erlebte zu verinnerlichen. Dabei bleiben sie die ganze Zeit über im Jetzt und sind Teil der Inszenierung.

Regisseur Frank Düwel, seinem Produktionsteam und seinen Darstellern ist es erneut gelungen, mit ihrer ganz eigenen Erzählform die Zuschauer in den Bann zu ziehen. Und gleichzeitig die Sichtweise auf Theodor Storm und seine Novelle zu verändern, neu zu überdenken. Wieder einmal überzeugen die Darsteller in ihren Rollen: Sie begeistern die Zuschauer mit ihrer Spielfreude und Professionalität, die vergessen lassen, dass es sich eigentlich um Laiendarsteller handelt, die da mit Leib und Seele ans Werk gehen.

Mag die Geschichte im Unglück enden, für Hanerau-Hademarschen ist sie ein Glücksfall. Mit dem Mut, so ein Theaterprojekt über drei Jahre in einem Dorf mitten in Schleswig-Holstein zu verwirklichen, sich dabei jedes Jahr zu steigern und es zu schaffen, eine ganze Region für dieses Projekt zu begeistern, hat sich der Ort selbst ein Kulturdenkmal mit großer Strahlkraft gesetzt, der sich kaum einer entziehen kann.


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