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Forschung in der ferne : Schattenseiten eines Traumziels

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Anneke Eichstedt aus Büdelsdorf studiert in Südafrika Kriminologie mit dem Schwerpunkt Opferbetreuung. Möglich wurde dies durch das Stipendium des Rotary-Clubs.

shz.de von
erstellt am 20.Dez.2015 | 18:24 Uhr

Ein junger Student wird im südafrikanischen Kapstadt in einem Zug von Unbekannten überfallen. Er versucht, die Angreifer abzuwehren, doch diese schubsen ihn auf die Gleise. Jetzt liegt der US-Amerikaner im künstlichen Koma, Familie und Freunde bangen um sein Leben. Eine von ihnen ist die 25-jährige Anneke Eichstedt aus Büdelsdorf. Seit einem Jahr studiert sie gemeinsam mit dem jungen Amerikaner an der Universität in Kapstadt, macht ihren Master in Kriminologie mit Schwerpunkt Opferbetreuung. Jetzt ist sie so nah dran wie noch nie an ihrem Fach.

Wegen genau solcher Vorfälle möchte die ehemalige Kronwerk-Schülerin lernen, wie sie Menschen unterstützen kann, die einen schweren Überfall oder eine Vergewaltigung erlebt haben. Und sie möchte dabei helfen, die Täter ausfindig zu machen. Fingerabdrücke und Blutspritzer analysieren, zerbrochene Glasscheiben zusammensetzen und die kritische Analyse von „CSI Miami“-Folgen: Das sind nur einige praxisnahe Aufgaben ihres Studiums.

Für die junge Büdelsdorferin ist es nicht der erste Aufenthalt in Südafrika. Bereits während ihres Bachelorstudiums in Soziologie absolvierte sie dort ein Auslandssemester. Warum gerade Südafrika? „Ich möchte einen Beitrag zur Entwicklung des Landes leisten – hin zu einer gewaltfreien Zukunft“, wünscht sich die 25-Jährige. Außerdem schwärmt sie von den Einwohnern, die eine unglaubliche Gelassenheit und Fröhlichkeit ausstrahlen würden. „Die Europäer haben die Uhr, wir haben die Zeit“, sagt sie über das Leben in Kapstadt. Alles dauert ein wenig länger, im Supermarkt wird mal mit der Kassiererin über das Wetter geplaudert, die Busse kommen nie pünktlich, und auch die Briefe aus Deutschland lassen auf sich warten. „Es ist eine tolle Erfahrung, den Alltag entspannter angehen zu lassen. Dafür nehme ich auch in Kauf, dass wir unseren Handwerker für einen ganzen Tag bezahlen mussten, um einen Toilettendeckel auszutauschen – er muss ja auch erst einmal in Ruhe bei uns frühstücken und Zeitung lesen.“

Mit dem Thema Gewalt wird Anneke Eichstedt in Südafrika täglich konfrontiert. Die Türen und Fenster ihrer Wohnung sind vergittert. „Man kommt sich manchmal etwas eingesperrt vor.“ Ob sich ihre Eltern zu Hause in Büdelsdorf Sorgen machen? „Sie wissen, dass ich keine unnötigen Risiken eingehe und meine Umgebung aufmerksam beobachte. Außerdem haben mir die jugendlichen Straftäter während meines Praktikums im Gefängnis einige ihrer Tricks verraten. Dadurch weiß ich, worauf ich achten muss.“ Die Kunst liege darin, die Einschränkungen zu akzeptieren und sich nicht einschüchtern zu lassen. Es gibt gewisse Regeln, an die sich die junge Frau hält: Sie holt in Bussen das Handy nicht heraus, trägt keinen auffälligen Schmuck, geht nachts nicht allein vor die Tür und lässt den Laptop nicht auf dem Schreibtisch vor dem Fenster stehen. Schon vor ihrem Studium in Südafrika hat sich Anneke Eichstedt mit der Betreuung von Kriminalitätsopfern gekümmert. Sie engagierte sich beim „Weißen Ring“ in Rendsburg. Dort hat sie eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Mitarbeiterin gemacht. Das Besondere an der Arbeit: „Die Menschen bringen einem so viel Dankbarkeit entgegen. Jeder kann Opfer einer Straftat werden, und jegliche Unterstützung kann diesen Menschen helfen, das Erlebte zu verarbeiten“, findet sie.

Den Studiengang Kriminologie gibt es weltweit nur selten. Besonderheit in Kapstadt: Ihre Mitstudenten habe alle Erfahrungen mit Kriminalität gemacht. Der Vater erschossen, früh häusliche Gewalt erfahren, im Township aufgewachsen, Familienmitglieder in Gangs: „Mit solchen Schicksalen wäre ich an einer deutschen Uni wohl nicht konfrontiert worden“, meint Eichstedt.

Ermöglicht wurde ihr diese Ausbildung vom Rotary-Club Rendsburg. Ohne das Stipendium hätte sie die hohen Studiengebühren in Kapstadt niemals bezahlen können. Durch den Serviceclub habe die Büdelsdorferin auch gleich Anschluss gefunden. „Mein Club in Kapstadt ist eine bunte Mischung verschiedenster Nationalitäten. Ich lerne Menschen aus der ganzen Welt dadurch kennen.“ Außerdem hilft sie bei der Organisation von Benefiz-Konzerten oder kostenfreien Gesundheitsuntersuchungen.

Bis Juli 2016 wird Anneke Eichstedt in Südafrika bleiben. Nach dem Studium plant sie zunächst, in der Forschung zu arbeiten. Sie möchte Erklärungen dafür finden, warum es gerade in Südafrika so viel Kriminalität gibt. Das sei so noch nicht hinreichend durchleuchtet worden. Den Schwerpunkt will sie dabei auf Gewalt gegen Frauen und Kindern legen. Aktuellen Statistiken zufolge ereignen sich in Südafrika täglich 126 Vergewaltigungen.

Unvergessen ist der Büdelsdorferin das Zitat einer jungen Frau: „Uns Frauen hier im Township stellt sich nicht die Frage, ob wir jemals in unserem Leben vergewaltigt werden, sondern wie oft.“

So kann es nach Meinung von Anneke Eichstedt nicht weitergehen.

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