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Kanal-Unglück vor 18 Jahren : „Scampi satt“ nach Schiffshavarie

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Die „Sabine D.“ verunglückte 1995 auf den Nord-Ostsee-Kanal. Höhe Nübbel landeten 90 Container im Wasser, deren Inhalt nachts die „Strandräuber“ anlockte. Tagsüber kamen Schaulustige. Ein Vortrag brachte jetzt neue Details des Unglücks ans Tageslicht.

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erstellt am 19.Okt.2013 | 06:00 Uhr

Rendsburg | Vor 18 Jahren hielt eine Schiffskollision die ganze Region wochenlang in Atem. Der Name „Sabine D.“ ist seitdem ein Synonym für die Gefahren, die auf dem Nord-Ostsee-Kanal lauern – und gleichzeitig für ein Spektakel, das täglich Schaulustige an das Ufer lockte und sogar den längst überwunden geglaubten Hang zur Strandräuberei wieder freilegte. Als Jörg Andresen, Chef Wasserschutzpolizei in Rendsburg, nach 20 Jahren in den Ruhestand ging, bezeichnete er die „Sabine D.“ als größte Herausforderung seiner Dienstzeit. Wie präsent ihm die turbulenten Ereignisse noch sind, bewies Andresen mit einem Vortrag bei der Marinekameradschaft. An diesem Abend kamen bisher unbekannte Details und Fotos zum Vorschein.

Am 12. Dezember 1995 fuhr die 86 Meter lange „Sabine D.“ beladen mit 90 Containern im Kanal ostwärts. In Höhe der alten Losenstation versagte gegen 3.30 Uhr die Rudermaschine, das Schiff stellte sich quer und wurde von der entgegenkommenden „Baltic Champ“ gerammt. Durch die Kollision entstand ein vier mal vier Meter großes Loch im Rumpf, Wasser drang ein, die „Sabine D.“ strandete schließlich mit 90 Grad Schlagseite am Kanal-Nordufer.

Die elfköpfige Besatzung inklusive Kapitän wurde von Lotsenbooten geborgen und ins Krankenhaus gebracht. „Der Kanal wurde sofort gesperrt – und wir mussten herausfinden, welche Ladung sich an Bord befand“, erzählte Andresen. An die Papiere im Schiff aber kam niemand heran. Der Kapitän wusste nichts – außer, dass in vier Containern Sprengkörper seien. Später stellte sich heraus, dass es sich um Silvesterfeuerwerk für das dänische Königshaus handelte. Aufschluss über den Inhalt der anderen Container, die inzwischen überall im Kanal trieben, brachte ein Fax von der Reederei: Kaffee, Fisch, Computer, Trimmräder, Schrauben, Scampi. Und 76 Fässer mit einem Vorprodukt für Pflanzenschutzmittel – hoch giftig. Dieser Container wurde erste nach Tagen gefunden und in einem aufwändigen Verfahren geborgen. Paradox: „Nur weil die Fässer nicht ordnungsgemäß befestigt waren, sind wir an einem großen Umweltschaden vorbeigeschrammt“, sagte Andresen.

Die Arbeiten am gesunkenen Schiff und den Containern lockten nicht nur Pressevertreter aus aller Welt an, sondern auch Schaulustige. „Das war eine echte Attraktion erinnerte sich Andresen, „1000 bis 2000 Menschen waren jeden Tag da. Allerdings herrschte auch nachts Betrieb. Die Aussicht auf brauchbare Dinge in den teils aufgeplatzten Containern lockte Diebe. Andresen: „Die Leute schleppten die Beute tütenweise ab. In Rendsburg und Umgebung gab es um die Zeit Scampi satt. Die waren sehr begehrt.“ Auch die Initiative der Versicherer, einen Wachmann zu engagieren, half nicht. „Einmal rief der Mann uns telefonisch zur Hilfe. Wir fanden ihn unter seiner Bude versteckt. Es waren einfach zu viele Diebe.“

Als die Wasser– und Schifffahrtsverwaltung auf schnelle Bergung der „Sabine D.“ drängte – schließlich kostete auch die nach wenigen Tagen eingerichtete halbseitige Sperrung des Kanals Geld – gab der Reeder das Schiff auf und entzog sich damit der Verantwortung. Danach wurde ein amerikanisches Spezialunternehmen engagiert, deren Nachfolgefirma übrigens auch an der Bergung der „Costa Concordia “ beteiligt war. In wochenlangen Tauchgängen im eiskalten Wasser gelang es schließlich, alle Löcher zuzuschweißen und das Schiff leerzupumpen. Die „Sabine D.“ wurde zur Werft Saatsee geschleppt und später verkauft. Sie ließ sich danach noch einige Male im Kanal blicken. Allerdings unter anderem Namen – und immer ganz vorsichtig an der alten Lotsenstation vorbei.

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