Bokel : Rückkehr in die Wohnung ungewiss

Zeit zum Ausruhen: Hildegard (88 Jahre) und Waldemar (89) Schweinberger auf den Sesseln, die ihre Tochter vom Spendengeld der Dorfgemeinschaft gekauft hat.
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Zeit zum Ausruhen: Hildegard (88 Jahre) und Waldemar (89) Schweinberger auf den Sesseln, die ihre Tochter vom Spendengeld der Dorfgemeinschaft gekauft hat.

Nach Feuer im Nachbarhaus: Demenzkrankes Ehepaar Schweinberger vermisst die gewohnte Umgebung.

shz.de von
07. Januar 2015, 06:00 Uhr

Eine vertraute Umgebung ist für demenzkranke alte Menschen ganz wichtig. Wie schwierig es sowohl für die pflegebedürftigen Senioren als auch für deren Angehörige wird, wenn diese vertraute Umgebung auf einmal weg ist, kann man am Fall von Hildegard (88) und Waldemar (89) Schweinberger sehen. Das Bokeler Ehepaar musste aufgrund eines Brands in der Nachbarwohnung nach 45 Jahren sein Haus verlassen und hat erstmal eine provisorische Bleibe bei Tochter Marion Cölln gefunden.

„Dass sie nicht rüber in ihr Haus können, das begreifen die beiden einfach nicht“, stellt Marion Cölln mit Blick auf ihre demenzkranken Eltern fest, die seit drei Wochen bei ihr im Obergeschoss wohnen. Nebenan steht das Haus von Hildegard und Waldemar Schweinberger, das von außen ziemlich intakt aussieht, aufgrund eines Löschwasser-, Rauch- und Schimmelpilz-Schadens aber bis auf weiteres unbewohnbar ist. Am 17. Dezember war in der Nachbarwohnung der Schweinbergerschen Doppelhaushälfte aus bislang noch ungeklärter Ursache ein Feuer ausgebrochen. Die Dorfgemeinschaft reagierte mit einer Welle der Hilfsbereitschaft sowohl für die obdachlos gewordene Familie der weitgehend zerstörten Haushälfte als auch für die Schweinbergers, die von ihrer Tochter noch vor dem Eintreffen der Einsatzkräfte gerettet worden waren. „Die Leute aus der Nachbarschaft haben sofort gefragt, wie sie helfen können“, erzählt Marion Cölln, „meine Eltern konnten ja erstmal nichts außer ihrem Nachtzeug aus dem Haus mitnehmen.“ Bei den schon gekauften Weihnachtsgeschenken waren glücklicherweise auch Kleidungsstücke dabei, und so konnten Hildegard und Waldemar Schweinberger auch am Tag des Feuers in die Tagespflegeeinrichtung „Tante Emma“ nach Timmaspe gebracht werden, wo sie seit einem halben Jahr täglich von 8 bis 17 Uhr betreut werden. Die Dorfbevölkerung sammelte Geld, von dem Marion Cölln Sessel mit Fußstützen, einen Nachttisch und eine Lampe kaufte. Die Obergeschosswohnung ist für die beiden Demenzkranken alles andere als ideal. Ein Schutzgitter wurde bereits vor der nach unten führenden Marmortreppe installiert. Marion Cölln wünscht sich nun möglichst schnell einen Treppenlift: „Das wäre eine enorme Erleichterung.“ Die Tochter hofft, dass ihre Eltern auch möglichst bald wieder in ihre angestammte häusliche Umgebung zurückkehren können. „Für die beiden ist die jetzige Wohnung total fremd, mein Vater läuft da oben rum wie Falschgeld“, sagt Marion Cölln. „Sie sehen von da oben ihr Haus und wollen wieder nach Hause, und sie begreifen nicht, warum sie das nicht dürfen“, ergänzt Nachbarin Marion Lorenzen. Hildegard und Waldemar Schweinberger vermissen ihre vertraute Umgebung. Ein Spezialunternehmen soll in dieser Woche eine Auswahl von Gegenständen, mit denen die Schweinbergers Erinnerungen verbinden, aus dem löschwasser-, rauch- und schimmelpilz-geschädigten Haus bergen und fachgerecht reinigen. Wann und ob das Haus des Ehepaars wieder bewohnbar sein wird oder ob es abgerissen werden muss, steht noch nicht fest.

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