„neue Heimat“ : Rückendeckung von drei Ehemaligen

Haben aufmerksam Protokolle und Konzepte gelesen: Die ehemaligen Bürgermeister Rolf Teucher und Hans Speck sowie der ehemalige Bürgervorsteher Eberhard Goll (von links).
Haben aufmerksam Protokolle und Konzepte gelesen: Die ehemaligen Bürgermeister Rolf Teucher und Hans Speck sowie der ehemalige Bürgervorsteher Eberhard Goll (von links).

Ex-Bürgermeister und Ex-Bürgervorsteher unterstützen die Mitarbeiter gegen die geplante Teilprivatisierung.

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16. Januar 2018, 12:53 Uhr

Der erste Bürgerentscheid in der Rendsburger Geschichte spaltet die Gemüter. Am Sonntag, 11. Februar, dürfen mehr als 22 000 Rendsburger abstimmen, ob das Seniorenheim „Neue Heimat“ teilprivatisiert wird oder in städtischer Trägerschaft bleibt. Die Mehrheit der Ratsversammlung ist für die Teilprivatisierung in Kooperation mit dem Verein „Brücke Rendsburg-Eckernförde“. Mitarbeiter wollen diesen Weg per Bürgerentscheid verhindern.

Die ehemaligen Bürgermeister Hans Speck und Rolf Teucher sowie Ex-Bürgervorsteher Eberhard Goll betrachten die Marschrichtung der Ratsversammlung mit Sorge: „Im Ergebnis kommt es 2018 zu einer Zerschlagung der ‚Neuen Heimat‘“, befürchtet Hans Speck, dessen Sohn Marcus Speck das Haus leitet. Der Ex-Bürgermeister verweist auf ein Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PWC). Demnach entstehen der Stadt durch die Teilprivatisierung bis 2020 Kosten von 4,236 Millionen Euro. Darin enthalten sind Abfindungen für 25 Mitarbeiter in Höhe von insgesamt 1,0255 Millionen Euro: Zwei Pflegekräfte müssen bis Ende 2018 ausscheiden. Die „Brücke“ übernimmt nur die anderen 52 Pfleger. Fünf Leitungskräfte und 18 Hauswirtschafter könnten theoretisch Ende 2020 auf freiwerdende Stellen im Rathaus wechseln. Das Kostenmodell mit Ausgaben von 4,236 Millionen Euro inklusive Abfindungen rechnet aber damit, dass diese 25 Mitarbeiter ausscheiden. Dies würde zur Strategie von Bürgermeister Pierre Gilgenast passen, der im Dezember eine Haushaltsentlastung durch Personalfluktuation ankündigte. Er rechnete damit, dass bis 2027 insgesamt 90 Mitarbeiter ausscheiden.

Zudem will die Kommune laut Gutachten die befristeten Verträge von zwölf „Neue Heimat“-Mitarbeitern nicht verlängern. Die vier Azubis werden nicht übernommen. Vier Beschäftigte gehen in Rente. Zuversichtlich ist die Stadt lediglich, dass sie ab 2020 fünf Reinigungskräfte in den eigenen Reihen beschäftigen kann.

Der Pflegebetrieb kostet die Stadt laut Gutachten ab 1. Januar 2019 keinen Cent. Zwei Jahre später hat sie auch keine Personalausgaben durch ehemalige „Neue-Heimat“-Mitarbeiter mehr, vorausgesetzt, dass sie alle Abfindungen zahlt. Die Stadt behält nur noch die Immobilie, die sie so lange an die „Brücke“ verpachten soll, bis ein Investor einen Neubau errichtet hat – PWC zufolge „voraussichtlich an anderer Stelle“.

Die „Brücke“ profitiert nach Specks Auffassung von der neuen Kooperation unverhältnismäßig gut. In einer Situation des allgemeinen Fachkräftemangels übernimmt sie 52 ausgebildete Pfleger, die bereits vor Ort wohnen und nicht mehr angeworben werden müssen. Speck sieht in dieser Übertragung des Personals eine Schenkung. „Für die Arbeitskräfte hat die ‚Brücke‘ nichts getan.“

Der Verein soll zunächst von April bis Ende 2018 die Geschäftsführung der „Neuen Heimat“ übernehmen. Das sieht ein Management-Dienstleistungsvertrag vor, den die Ratsversammlung bereits beschlossen hat. Ex-Bürgervorsteher Goll sieht darin einen Verstoß gegen die Betriebssatzung der „Neuen Heimat“. Laut Paragraf 8 hat die Ratsversammlung die Entscheidungen in ihrem Eigenbetrieb selbst zu treffen.

Zum 1. Januar 2019 sollen Stadt und „Brücke“ eine Betriebsgesellschaft gründen. Die „Brücke“ wird Mehrheitsgesellschafterin. Der ehemalige Bürgermeister Teucher mahnt: „Aber die Stadt trägt die Risiken.“ Tatsächlich rechnet das Gutachten damit, dass die Gesellschafter, und damit auch die Stadt, in den ersten Jahren „Anfangsverluste“ mit Darlehen auffangen müssen, die innerhalb von fünf Jahren zurückgezahlt werden. Nicht zuletzt betont Speck, dass eine Perspektive für die verschuldete Immobilie fehlt.

Nicht enthalten ist in dem Posten von 4,236 Millionen Euro die Beratungsleistung von PWC zum Thema „Neue Heimat“. Laut Verwaltung hat die Stadt dafür bisher 317 000 Euro ausgegeben.

Speck, Goll und Teucher unterstützen die Initiatoren des Bürgerentscheids. Sie wollen ihr Eigenkonzept umsetzen: Am Standort an der Schleswiger Chaussee soll ein Neubau mit 140 Plätzen entstehen. Kosten: 9,5 Millionen Euro. Im besten Fall schreibt das Haus ab 2022 schwarze Zahlen, im schlechtesten Fall entsteht bis 2026 ein Minus von 3,1 Millionen Euro. Speck: Mit 4,236 Millionen Euro ließe sich das Defizit 17 Jahre ausgleichen.

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