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Selbstversuch : Rollstuhl-Fahrerin für zehn Minuten

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

LZ-Volontärin Miriam Richter fährt im Rolli durch einen Hindernis-Parcours auf dem Schiffbrückenplatz. Der Arbeitskreis für Menschen mit Behinderung stellt seine Arbeit vor und hat den Fahr-Test zum ersten Mal in Rendsburg veranstaltet.

Es geht weder vor noch zurück. Der linke Reifen des Rollstuhls dreht sich in der Luft. Egal, wie doll man Schwung gibt. Wäre ich ein Rollstuhlfahrer und allein auf dem Schiffbrückenplatz unterwegs, hätte ich ein Problem, von der Stelle zu kommen. Doch gestern gab es genügend helfende Hände, die mich aus der misslichen Lage befreien.

Anlässlich des „Europäischen Protesttags zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung“ hatte der Arbeitskreis für Menschen mit Behinderung einen Hindernis-Parcours nebst Infostand auf dem Schiffbrückenplatz aufgebaut. Nicht nur zusehen, sondern selber mitmachen lautet das Motto. Zwei Rollstühle warten auf neugierige Menschen, die hautnah erleben wollen, wie sich Rolli-Fahrer mit ihrem Gefährt bewegen.

Eine Erfahrung der besonderen Art: Gleich beim Einsteigen gibt es das erste Hindernis. Zugegeben, ich habe mir keine Gedanken gemacht, wie man sich unfallfrei in einen Rollstuhl setzt. Doch es zeigt sich: Richtiges Einsteigen will durchdacht sein. Die Bremsen müssen festgestellt werden. Sonst kann es passieren, dass sich der Stuhl selbstständig macht und ich ganz schnell auf der Erde statt im Rollstuhl Platz nehme. Die ersten Meter geradeaus fahren, klappt ganz gut. Was ich sofort merke, ist das Ziehen in den Oberarmen. Der Schiffbrückenplatz ist unebener, als er aussieht. Die vielen kleinen Pflastersteine bilden Hügel, die Fugen dazwischen machen es nicht gerade leichter. Ich muss mich anstrengen, um den Rollstuhl über die Unebenheiten zu manövrieren.

Ein Gefühl für das Fahren im Rollstuhl bekomme ich ziemlich schnell. Selbst das Umkurven der ersten Hütchen des Parcours klappt gut. Schwierigkeiten bereitet eher etwas, was ich für leicht hielt: das Rückwärtsfahren. Mit beiden Händen gleichzeitig am Rad drehen, sodass der Rolli gleichmäßig nach hinten fährt, klappt nicht. Ich drehe mich im Kreis und das linke Rad hängt in der Luft. Nur mit fachkundiger Anleitung von Ingo Eske, Mitglied im Arbeitskreis, gelingt es mir, dann doch zwischen zwei Hütchen „einzuparken“. „Du unterschätzt das Gefälle, du musst gegenhalten“, ist einer seiner Ratschläge. Fürs Aussteigen hat er auch den passenden Tipp parat: Mein Körpergewicht nicht auf die Fußstützen verlagern. Sonst kippe ich mitsamt dem Stuhl vorneüber.

Nicht nur ich, auch Bürgermeister Pierre Gilgenast wagt den Perspektivenwechsel von zwei Beinen auf vier Räder. Er absolviert den Parcours – und bleibt auch an einigen Hütchen hängen. „Die Unebenheiten auf dem Platz waren eine echte Herausforderung“, sagt er. Es ist ein guter Schachzug, den Verwaltungschef zu einem Selbstversuch zu motivieren. Denn er zieht sogleich entsprechende Schlussfolgerungen: Bei künftiger Stadtplanung solle verstärkt auf eine behindertenfreundliche Bauweise geachtet werden.

Dies ist ganz im Sinne von Axel Hennecke, Behindertenbeauftragter der Stadt. Er möchte mit solchen Aktionen wie dem ersten Hindernis-Parcours die Arbeit des Arbeitskreises bekannter machen. Sein Ziel: Menschen mit Behinderungen und ihre Wünsche und Nöte ins Bewusstsein der Bevölkerung bringen. Dabei versteht er seine Arbeit nicht nur für Menschen mit Behinderung. Hohe Kantsteine und unebene Gehwege sind zum Beispiel für Menschen mit Gehwagen ebenfalls Alltags-Hindernisse. „Wir werden alle älter. Es sind Probleme, die uns alle angehen.“

Mein Fazit nach dem Probe-Lenken? 1. Rollstuhlfahren ist nicht so einfach, wie man denkt. 2. Die Erfahrung entschädigt für den sich ankündigenden Muskelkater in den Armen. 3. Viele Dinge, die einem unkompliziert erscheinen (das Überqueren des Schiffbrückenplatzes), sind es nicht.

 

 

 

 

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erstellt am 05.Mai.2014 | 14:08 Uhr

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