Rollstuhlbasketball : Rollentausch

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Im Rahmen einer Unterrichtseinheit zum Thema „Inklusion“ spielten die Schüler der 6a des Gymnasiums Kronwerk Rollstuhlbasketball. Bernd Eickemeyer, Referent des Deutschen Rollstuhl-Sportverbands, gab den Kindern wertvolle Tipps.

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18. Juli 2015, 06:00 Uhr

Ruth würde gerne aufstehen. Aber sie muss sitzen bleiben. Ganz kurz zuckt die Zwölfjährige, dann hält sie wieder inne und guckt dem vorbeirollenden Basketball hinterher, anstatt ihm nachzulaufen und ihn aufzuheben. „Das ist ganz schön doof, dass man seine Beine nicht benutzen darf“, klagt Ruth. Aber so sind nun einmal die Regeln.

Ruth und ihre Mitschüler der 6a des Rendsburger Gymnasiums Kronwerk spielen Rollstuhlbasketball. Im Rahmen einer fächerübergreifenden Unterrichtseinheit zum Thema „Inklusion“ sollen die elf- bis 13-jährigen Kinder am eigenen Leib erfahren, dass man auch als Behinderter Sport treiben kann. Theoretisch wissen sie es bereits. Nun folgt die Praxis. Lehramtsanwärter Finn Hagen-Peters, der in der Klasse die Fächer Deutsch und Sport unterrichtet, hat mit den Schülern das Buch „Bis dann, Simon“ des neuseeländischen Schriftstellers David Hill gelesen. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Junge namens Simon, der an Muskelschwund leidet, seinen Lebensmut aber nicht verliert und trotz seiner Erkrankung sportlich aktiv ist. „Die Kinder sollen sich einmal in die Rolle eines Behinderten hineinversetzen und unter professioneller Anleitung lernen, sich im Rollstuhl zu bewegen“, erklärt Hagen-Peters. Er hat mit Bernd Eickemeyer einen Fachmann eingeladen. Der 52-Jährige ist Referent des Deutschen Rollstuhl-Sportverbands (DRS) und als Trainer tätig. Für ihn sind Schulbesuche kein Neuland. „Das war jetzt schon der 14. oder 15. Projekttag in diesem Jahr“, erzählt Eickemeyer.

Seit einem Autounfall vor 34 Jahren ist der gebürtige Lübecker querschnittsgelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Fast genauso lange spielt er Rollstuhlbasketball. Der Sport hat ihm über die schwerste Zeit in seinem Leben hinweg geholfen. Heute fährt der selbstständige Unternehmer im Auftrag der Unfallkasse Nord, des DRS und des Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhauses Hamburg (BUKH) durch Schleswig-Holstein und will helfen, mittels solcher Projekttage Berührungsängste zwischen Behinderten und Nichtbehinderten abzubauen. „Vor allem Kinder sind grundsätzlich neugierig und unbefangen. Am auffälligsten ist, dass Schüler den Rollstuhl nicht als Krankenfahrstuhl, sondern als Sportgerät sehen. Auch die Schüler der 6a stürzen sich zu Beginn der Stunde sofort auf die mitgebrachten Rollstühle und rollen durch die Halle.

Doch aller Anfang ist schwer, auch beim Rollstuhlfahren. Nicht immer kommt man dort an, wo man hin will. „Die Schüler merken, wie schwierig es ist, mit einem Rollstuhl zu fahren und vor allem, wie viel Kraft man dafür braucht“, sagt Eickemeyer. Deshalb absolviert er mit den Schülern zunächst einige Fahrübungen, bevor es zum Zielspiel geht und sie einen Basketball in die Hand bekommen. Während Eickemeyer den Übungsablauf erklärt, ist es auffallend ruhig in der Halle. Für pubertierende Sechstklässler verhalten sich die 14 Mädchen und zwölf Jungen äußerst diszipliniert. Kein Gekicher ist zu hören, keine Zoten werden gerissen, wie es oft zu Stundenbeginn vorkommt. Ob es an Eickemeyers durchdringender Stimme liegt oder doch eher an dem ernsten Thema?

Dann geht es los. Vorwärts fahren, rückwärts fahren, stoppen, Drehung links, Drehung rechts – allmählich bekommen die Schüler ein Gefühl für das Gerät. „Die Arme tun aber ganz schön schnell weh“, klagt der zwölfjährige Jonas. Kein Wunder, die oberen Gliedmaßen sind der Motor der Fortbewegung. Nach 20 Minuten werden die Arme bei einigen schon zitterig. Und nun sollen sie auch noch versuchen, einen Ball in den fast drei Meter hohen Korb zu werfen. Schon im Stehen nicht einfach, im Sitzen ist es noch schwieriger. Selbst die sportlichsten Schüler der Klasse haben so ihre Mühe damit. Der Spaß und der Ehrgeiz leiden nicht darunter. Schon nach kurzer Zeit blickt Hagen-Peters in viele rote Gesichter. „Die Schüler waren alle sehr engagiert und haben eine tolle Erfahrung gemacht. Sie haben gesehen, was trotz körperlicher Einschränkung alles möglich ist“, resümiert der Lehrer hinterher zufrieden. „Ein Schüler hat sich sogar nach der Möglichkeit erkundigt, wo der Sport für ihn auszuüben wäre.“ Doch es ist nicht ganz einfach, einen Verein zu finden. Nur rund 1300 Spieler in 120 Mannschaften nehmen am nationalen Punktspielbetrieb teil. Zum Vergleich: Im Jahr 2014 waren im Deutschen Basketballbund (DBB) 192  164 Mitglieder in rund 2000 Vereinen organisiert. „In Flensburg und Kiel gibt es integrative Gruppen“, berichtet Eickemeyer.

Auch Annabel könnte sich vorstellen, Rollstuhlbasketball zu spielen. „Das ist ein toller Sport. Ich finde es schön, dass hier Behinderte und Nichtbehinderte was zusammen machen können“, meint die Elfjährige. Denn nicht nur Behinderte spielen Rollstuhlbasketball. „Fußgänger“ werden Nichtbehinderte oder Akteure, die trotz ihrer Behinderung mit Prothesen laufen können, genannt. „Es ist ein idealer Sport für Inklusion“, sagt Eickemeyer, der nach intensiven 120 Minuten den Unterricht beendet. Die Schüler rollen langsam in Richtung Seitenlinie und stehen auf. Endlich dürfen sie ihre Beine wieder benutzen. Auch Ruth.

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