zur Navigation springen
Landeszeitung

23. August 2017 | 01:20 Uhr

Alt Duvenstedt : Retter der Rehkitze

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Eine Gruppe Freiwilliger sucht Wiesen und Felder nach Jungtieren ab, um sie vor dem Tod im Mähwerk zu schützen. Bauern und Jäger sind froh über die Hilfe.

Sie sind mit langen Stöcken und Transportboxen ausgerüstet, waten mit vorsichtigen Schritten über Wiesen und Felder – und haben nur ein Ziel: Rehkitze retten. Die freiwilligen Helfer der Rehkitz-Rettungsgemeinschaft Raum Rendsburg sind derzeit vor allem im Gebiet der Alt Duvenstedter Jagdpacht unterwegs, um die kleinen Vierbeiner vor dem Tod durch Traktoren mit Mähwerk zu bewahren.

Initiatorin der Gruppe ist Karen Fleckenstein. Sie selbst sucht schon seit etwa 15 Jahren immer im Frühsommer nach dem Reh-Nachwuchs. „Im vergangenen Jahr haben wir dann eine Facebook-Gruppe gegründet. Die hat momentan etwa 130 Mitglieder. Rund 30 davon helfen regelmäßig mit, wenn es darum geht, nach den Kitzen zu suchen“, berichtet die 60-Jährige. Die Wiesen werden immer dann durchstreift, wenn die Bauern das Gras mähen wollen – zur Not auch morgens um vier Uhr.

Obwohl Rehe Fluchttiere sind, gilt dasselbe nicht für ihren Nachwuchs: Dieser Instinkt setzt erst nach etwa vier Wochen ein. „Die Ricke legt ihr Junges in einer Wiese im hohen Gras ab. Um es nicht zu verraten, hält sie selbst sich in größerer Entfernung, zum Beispiel am Rand des Feldes auf. Sie geht nur ein paar Mal am Tag zum Säugen auf die Wiese“, erklärt Karen Fleckenstein. Egal ob Fuchs, Mensch oder Mäher: Nähert sich jemand oder etwas dem Jungtier, kauert es sich ins Gras und ist selbst aus unmittelbarer Nähe kaum zu sehen – der Landwirt hat keine Chance, das Unglück zu verhindern. „Wird das Kitz von dem Mähwerk erfasst, ist das wirklich grausam“, berichtet Bärbel Meissner, Online-Beauftragte der Rettungsgemeinschaft. „Oft wird es nur schlimm verletzt und schreit ganz erbärmlich, bis der Bauer es dann erlöst, wenn er das Tier hört.“

Um das zu verhindern, informieren viele Landwirte in und um Alt Duvenstedt die Jäger des Ortes. Die wiederum nehmen Kontakt zu Bärbel Fleckenstein auf. „Diese Zusammenarbeit klappt wirklich ganz toll hier in der Region“, freut sich die 60-Jährige. Und auch die Jäger sind dankbar für die Schützenhilfe: „Wir sind froh, wenn die Rettungsgemeinschaft die Felder abgeht. Wir selbst haben gar nicht genug Zeit dafür“, erzählt Jagdleiter Günter Reese. „Wir unterstützen aber wann immer es geht.“

Die Retter der Rehkitze bekommen aber durchaus auch Gegenwind zu spüren. „Es gibt Menschen, die uns fragen, warum wir die Rehkitze überhaupt retten. ‚Die werden doch sowieso irgendwann totgefahren oder vom Jäger geschossen‘ kriegen wir öfter zu hören“, so Fleckenstein. Doch die anderen Tierfreunde und sie lassen sich nicht entmutigen. „Wenn man ein Kitz findet, dann ist das pures Glück. Da geht einem das Herz über“, schwärmen Bärbel Meissner und Karen Fleckenstein. Das kleine Bündel Leben wird dann vorsichtig hochgenommen und in eine Transportbox gesetzt. In dieser bleibt das Kitz, bis der Bauer seine Arbeit verrichtet hat. „Anschließend setzen wir es am Feldrand wieder aus. Durch Rufe finden die Ricke und ihr Kind dann wieder zusammen, wenn die Luft rein ist“, berichtet Karen Fleckenstein, die die Wiedervereinigung mit einem Fernglas im Auge behält.

Immerhin 17 Kitze konnte die Gruppe im vergangenen Jahr vor dem sicheren Tod bewahren – und musste dafür etwa 60 Hektar abgehen. Der Versuch, Leben zu retten ist anstrengend, schweißtreibend – und manchmal eben auch ernüchternd und frustrierend. „Man läuft viele Wiesen ab und findet kein einziges Kitz. Da muss man einfach beharrlich sein und daran denken, wofür man das alles macht“, ermuntert Karen Fleckenstein. „Die Suche ist so anstrengend, weil man die Beine im hohen Gras so hoch heben muss“, ergänzt Bärbel Meissner. Sie und viele andere Mitstreiter können von Muskelkater nach einer Suchaktion berichten. „Das ist ein gutes Bauch-Beine-Po-Training“, versucht es eine andere Teilnehmerin hingegen positiv zu sehen.

Die Retter müssen vor allem Anfang des Sommers aktiv werden. Dann, wenn die Bauern das erste Mal Gras mähen, die Kitze aber noch zu klein sind und der natürliche Fluchtinstinkt noch nicht entwickelt ist. Jetzt gerade ist Hochsaison für die Helfer. Wer sich der Gruppe anschließen oder eine neue gründen möchte, kann sich ebenso bei Bärbel Meissner und Karen Fleckenstein melden wie Landwirte oder Jäger, die Unterstützung anfordern wollen. Die Kontaktaufnahme erfolgt per E-Mail an die Adresse rehkitzrettung-rd@web.de. Bitte eine Telefon- oder Handynummer angeben.

> www.rehkitz-rettung-rd.de

zur Startseite

von
erstellt am 03.Jun.2016 | 20:20 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen