Kaffeefahrt : Rentner: Bestellt und nicht abgeholt

So hatten sich die Aukruger, Hohenwestedter und Wasbker die Fahrt vorgestellt: Sie wollten eine unterhaltsame Tour machen. Das Foto zeigt Teilnehmerinnen einer anderen Kaffeefahrt, bei der Putztücher und Salben angeboten wurden.  Foto: ddp
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So hatten sich die Aukruger, Hohenwestedter und Wasbker die Fahrt vorgestellt: Sie wollten eine unterhaltsame Tour machen. Das Foto zeigt Teilnehmerinnen einer anderen Kaffeefahrt, bei der Putztücher und Salben angeboten wurden. Foto: ddp

Ein 10.000-Euro-Gewinn lockte Bettina Hauschildt aus Wasbek zu einer Kaffeefahrt. Die Teilnehmer warteten vergeblich auf den Bus.

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26. Januar 2009, 11:24 Uhr

Wasbek/Hohenwestedt | Seit eineinhalb Stunden stehen sie schon in der Kälte und warten. Sieben Wasbeker, Aukruger und Hohenwestedter haben sich am Hohenwestedter Busbahnhof versammelt. Jeder von ihnen hatte ein Schreiben der Buchungszentrale der Rätselfreunde im Briefkasten. Darin wurde ihnen mitgeteilt, dass sie 10.000 Euro gewonnen haben. Wer diesen Hauptgewinn einlösen möchte, müsse lediglich an einer Bustour teilnehmen. Dort gebe es zusätzlich wertvolle Geschenke und reichlich zu essen. Natürlich alles kostenfrei. Der Abfahrttermin sollte um 9 Uhr sein, wohin weiß niemand. Als gegen 10.30 Uhr immer noch kein Bus auftaucht, treten die letzten Wartenden den Heimweg an.

Für Thomas Hagen, Sprecher der Verbraucherzentrale in Kiel, ist der Fall eindeutig: "Das sind untrügliche Anzeichen für eine Kaffeefahrt. Diese Kaffeefahrt-Mafia missbraucht Adressen und lockt die Verbraucher zu Veranstaltungen, wo Waren feilgeboten werden. Oftmals weiß selbst der Busfahrer nicht genau, wohin es geht. Das Ziel wird erst am Ende der Fahrt per Handy mitgeteilt", erklärt er. Hagen zufolge gebe es diese Praxis bereits seit über 20 Jahren, fast täglich habe die Verbraucherzentrale mit solchen Fällen zu tun.
Aus Spaß die Antwortkarte ausgefüllt
Auch Bettina Hauschildt aus Wasbek hatte ein Schreiben der Buchungszentrale der Rätselfreunde erhalten - und das, obwohl sie niemals an einem Rätsel-Wettbewerb teilgenommen hat. "Es war genau aufgelistet, zu welchen Zeiten man mich angeblich nicht erreicht habe, um mir die frohe Botschaft von dem 10.000-Euro-Gewinn zu überbringen. Auf einer vorgefertigten Antwortkarte sollte ich eintragen, mit wie vielen Personen ich an der Veranstaltung teilnehmen möchte. Aus Spaß habe ich die Zahl zwei draufgeschrieben und die Karte eingesteckt", erzählt die 46-Jährige.

Prompt kam ein weiterer Brief, in dem Abfahrtszeit und -ort genannt wurden. Allerdings stand darin Folgendes: "Dies ist eine Festbuchung. Bei Nichtantritt der Reise werden wir Ihnen die Planungskosten in Rechnung stellen." Diese Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht. Eine 60-jährige Aukrugerin, die ebenfalls in Hohenwestedt auf den Bus wartete, erklärte, sie habe Angst davor, dass man ihr nun eine Rechnung schicke, weil sie nicht mitgefahren sei. "Diese Angst ist unbegründet", sagt Thomas Hagen und verweist auf den Paragrafen 661a des Bürgerlichen Gesetzbuches. "Wie sollte ein Veranstalter, der permanent gegen geltende Gesetze verstößt, in dieser Form zur Kasse bitten?", fragt er.
Dekra-Siegel gefälscht
Auffällig ist auch die Fußzeile dieses Briefes (siehe Foto). Abgebildet sind Siegel der Firma Dekra und des Tüv, die nur an geprüfte Unternehmen vergeben werden. Damit soll vermutlich ein seriöser Eindruck erweckt werden. Auf Anfrage unserer Zeitung zeigte sich die Dekra überrascht. "Der Kunde ist uns unbekannt und benutzt damit widerrechtlich unser Siegel und das Logo. Wir werden rechtliche Schritte einleiten und Strafanzeige stellen", erklärte Volker Dede, Sprecher des Dekra-Konzerns. Das dürfte allerdings schwierig werden, denn selten kann man diesen Unternehmen habhaft werden. Es gibt weder Ansprechpartner, Adressen noch Telefonnummern. Viele haben lediglich ein Postfach. Auch die so genannte Buchungszentrale der Rätselfreunde hinterlässt keinerlei Kontakte.

Warum der Bus in Hohenwestedt nicht auftauchte, kann sich auch Verbraucherschützer Thomas Hagen nicht erklären, zumal die Teilnehmer noch einen Tag zuvor telefonisch von dem Veranstalter auf den Termin hingewiesen wurden. "Schade, ich hätte gerne gewusst, wohin es geht, welche psychologischen Tricks die Verkäufer anwenden und wie sie sich aus der 10.000- Euro-Sache herausreden", sagt Bettina Hauschildt. Auch die anderen Teilnehmer aus Hohenwestedt glaubten nicht wirklich an einen Gewinn. Sie alle nahmen schon mehrfach an Kaffeefahrten teil. Auf die Frage "Warum?" antwortet die Aukrugerin: "Ich bin Rentnerin und habe Zeit. Für mich ist das eine Chance, neue Leute kennen zu lernen. Solange ich nichts kaufe - was soll mir passieren?"
§ 661a BGB
Die Gesetzeslage zum Thema Gewinnversprechen ist eindeutig. Der § 661a des Bürgerlichen Gesetzbuches entscheidet zu Gunsten der Verbraucher: „Ein Unternehmer, der Gewinnzusagen oder vergleichbare Mitteilungen an Verbraucher sendet und durch die Gestaltung dieser Zusendungen den Eindruck erweckt, dass der Verbraucher einen Preis gewonnen hat, hat dem Verbraucher diesen Preis zu leisten.“ Wer sein Recht einklagt, hat allerdings selten Erfolg, denn wo es keine Namen gibt, gibt es auch keine Täter.

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