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Vor 150 Jahren : Rendsburgs größter Aufmarsch

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Paradeplatz: Heute vor 150 Jahren feierten 50 000 Menschen den preußischen Sieg bei Düppel und bekannten sich zu Schleswig-Holstein.

„Am 8. Mai sah Rendsburg in seinen Mauern eine Feier, wie sie die alte Stadt, ja, wie sie ganz Schleswig-Holstein bis dahin noch nie erlebt hat, und wie sie so leicht nicht wiederkehren wird“, wusste Deutschlands damals größte Illustrierte, die in Leipzig erscheinende „Illustrirte Zeitung“, zu berichten. Und sie räumte dann auch dem Großereignis eine ganze Seite für dessen zeichnerische Wiedergabe ein. Nach Zeitzeugenberichten sollen sich 50 000 Schleswig-Holsteiner auf dem Paradeplatz versammelt haben.

Was hatte sie nach Rendsburg gelockt? Noch war das Herzogtum Schleswig im Kriegszustand – drei Wochen zuvor hatten die Preußen beim Sturm auf Düppel den entscheidenden Sieg über die Dänen davongetragen. Die verbündeten Österreicher waren auf dem Vormarsch in Jütland. In London verhandelte man über einen Waffenstillstand, der dann auch wenige Tage später in Kraft trat. Sowohl in Holstein als auch in Schleswig sah die große Mehrheit der Bewohner die politische Zukunft der beiden Herzogtümer in deren endgültiger Trennung von Dänemark. Überall zwischen Nord- und Ostsee waren Schleswig-Holstein-Vereine entstanden, die sich dieses Ziel auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Verbunden war das zumeist mit einer Huldigung des Herzogs Friedrich VIII. von Schauenburg als dem erwünschten künftigen Oberhaupt eines selbstständigen Schleswig-Holstein.

In einer großen Landesversammlung wollten alle diese Vereine, gemeinsam mit den Vereinigungen der Kampfgenossen von 1848, den Turnern und Liedertafeln, den Kieler Studenten sowie „Tausenden von anderen Bürgern und Bauern“ an jenem 8. Mai in der alten Brückenstadt zwischen den beiden Herzogtümern ein machtvolles, nationales Bekenntnis zur politischen Zukunft ihrer Heimat nach dem Ende des Krieges ablegen. Ein solches Treffen von bis zu 50 000 Menschen (es gibt da nur Schätzungen) setzte natürlich eine ungeheure organisatorische und logistische Planung und Organisation voraus.

Das galt schon für die An- und Abreise der Zehntausende. Bereits von Mitternacht an bis zum Beginn der Kundgebung um 14 Uhr folgte auf dem Rendsburger Bahnhof ein überfüllter Sonderzug dem anderen. Die „Illustrirte Zeitung berichtete: „Obgleich die Bahn alles Fahrmaterial aufgewendet und sogar sämtliche Güterwagen zum Personentransport eingerichtet hatte, mussten doch an den verschiedenen Stationen, namentlich in Neumünster, Hunderte und Aberhunderte, die dorthin weiter aus dem Lande herbeigekommen waren, zurückbleiben. Andere Extrazüge, besonders die aus dem Norden abgegangenen, trafen überhaupt erst ein, als die Versammlung bereits eröffnet war.“

Aus allen Himmelsrichtungen kamen die Teilnehmer zu Tausenden auch in endlosen Kolonnen per Pferd und Wagen. Der Kieler SH-Verein hatte für seine Teilnehmer neben zwei Extrazügen „eine Anzahl von Booten bereit, welche von einem Dampfschiff vom Kieler Hafen durch den Schleswig-Holsteinischen Kanal in die Eider nach Rendsburg geschleppt wurden.“ Die Kieler Studenten waren schon tags zuvor zu Fuß abmarschiert – die Turner folgten ihnen am Abend per pedes.

Schon um 13 Uhr war der Paradeplatz voller „Flaggen und Banner über einem endlosen Meer von Köpfen. Und als die Uhr dann zwei schlug, war der ganze, weite Platz dicht gedrängt besetzt. In den drei auf den denselben mündenden Straßen und dem Provianthausplatz wogte es auch noch von Menschen, und immer noch trafen neue Scharen ein. Endlich verkündeten Böllerschüsse den Beginn der Feierlichkeit.“ Die Rendsburger Liedertafel, begleitet von kräftiger Hornmusik, stimmte den Luther-Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ an. Die Zehntausende fielen mit ein, während alle entblößten Hauptes dastanden wie in der Kirche – mit einem so machtvollen Gesang, wie ihn die Stadt noch nie zuvor gehört hatte und auch nie wieder hörte.

Von der großen, in blau-weiß-rotem Flaggenschmuck prangenden Rednertribüne vor der Garnisonkirche gab der Rendsburger „Bürgerworthalter“, der Advokat Wiggers, unter dem brausenden Beifall der Teilnehmer der Hoffnung Ausdruck, dass eine Teilung der Herzogtümer fortan unmöglich sein möge. Und er fügte hinzu: „Sonst findet Euch diese Stunde in der Kirche, aber auch unser heutiges Werk auf dem Markte ist ein Gottesdienst: wir zeugen ja hier für Recht und Wahrheit und für die Heiligkeit des Eides.“ Unermesslich – so ein Zeitungsbericht – der Jubel, als er zum Schluss ausrief: „Hoch unser Land Schleswig-Holstein, hoch der Fürst, dem wir anhangen, Herzog Friedrich VIII.“.

Von der Landesversammlung ohne Beispiel wurden drei Resolutionen verabschiedet, in denen es unter anderem hieß: „Wir (Schleswig-Holsteiner) halten unerschütterlich fest an unserem guten Recht: getrennt von Dänemark wollen wir ein freies Schleswig-Holstein unter unserem angestammten Herzog Friedrich VIII.“. Und weiter. „Sollten fremde Mächte willkürlich über uns verfügen wollen, so sind wir entschlossen, für unser Recht . . . das Letzte einzusetzen.“ In einer der anderen Resolutionen wurde Preußen und Österreich der Dank der Schleswig-Holsteiner für „die siegreich vollzogene Befreiung des schleswigschen Landes“ ausgesprochen – verbunden mit dem Verlangen, dass es endlich einer eigenen „wehrbaren Mannschaft vergönnt sein werde, mit der Waffe in der Hand (selber) an der Fortsetzung des Befreiungswerkes teilzuhaben.“ Die Resolutionen wurden neben anderen offiziellen Stellen dem Vertreter des Deutschen Bundes bei den Waffenstillstands-Verhandlungen in London, von Beust übermittelt.

Das patriotische Lied von Ernst Moritz Arndt „Was ist des Deutschen Vaterland“ und der Choral „Nun danket alle Gott“ beschlossen Rendsburgs größte Veranstaltung aller Zeiten.

 

 

 

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erstellt am 08.Mai.2014 | 09:43 Uhr

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