zur Navigation springen

Rundreise : Rasende Reporterin auf ruhiger Fahrt

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

In einem Goggomobil durch die Hüttener Berge – ohne Sicherheitsgurt und Servolenkung. Stammtisch der „Nordlichter“ hatte eingeladen.

von
erstellt am 21.Apr.2015 | 06:00 Uhr

Hilfe, wo ist nur das Gaspedal? Eigentlich sollte es einfach zu finden sein. Schließlich ist so ein Goggomobil nicht groß. „Unten rechts – mit der Rolle“, grinst Lars-Peter Lund. Die Rolle ist ungewöhnlich. Aber es wird nicht die einzige Überraschung sein, wenn die rasende Reporterin mit fast vierzigjähriger Führerscheinerfahrung die Langsamkeit entdeckt. Ungewohnt sind auch die ersten Handgriffe: „Bevor wir fahren, muss erst einmal der Benzinhahn geöffnet werden“, erklärt Goggo-Fan Lund und greift hinter sich zur Ablage, wo die umhäkelte Klorolle und der Wackeldackel eine friedliche Koexistenz führen. Anschließend wird kräftig neben dem Lenker der Knopf mit dem S wie Starter gezogen, gleichzeitig der Zündschlüssel umgedreht.

28 Fahrzeuge des Goggo-Stammtisches „Nordlichter“ hatten sich am Sonntag zum „Anglasen“ in Rendsburg getroffen und waren durch die Hüttener Berge getourt. Organisiert hatten die Fahrt Erhard und Sigrid Jankowski aus Rendsburg, aber die Fahrer waren aus ganz Schleswig-Holstein gekommen – Lars-Peter Lund aus Klein Boren an der Schlei. Zwei Meter misst der gelernte Werkzeugmacher, in dessen Goggo ich erst als Beifahrerin und schließlich hinter dem Steuer Platz nehmen darf. „Okay – dann werde auch ich mit meinen 1,78 Metern in die kleine Blechkiste passen“, denke ich und bin angenehm überrascht, dass ich die Beine lang ausstrecken kann. Der Blick nach hinten verrät allerdings: Der Sitz ist bis zum Anschlag zurückgeschoben.

Wer Goggo fährt, benötigtet viel Zeit. Satte 13,8 PS hat so ein Wirtschaftswunder-Winzling. Wenn man das Gaspedal kräftig durchdrückt, erreicht er eine Spitzengeschwindigkeit von 80 Kilometern in der Stunde. Der 250-Kubik-Zweitakt-Motor mischt sich dann aber laut röhrend in das Zweiergespräch ein. Also vorsichtig den Fuß von der Gaspedal-Rolle nehmen, nicht zu viel, sonst stellt der Motor nach kräftigem Stottern seinen Dienst ein. „Das Standgas ist nicht ganz in Ordnung“, sagt Lars-Peter Lund entschuldigend. Beim Abbiegen auf die Hauptstraße nach Sehestedt ist also Fußgefühl gefragt. Von Beschleunigung zu reden, ist übertrieben.

Und bei der Suche nach dem Blinker greift die Hand ins Leere. Ein Auto ohne Blinker? Nein, aber damit die Lampen am rechten und linken Mittelholm blinken, muss ein kleiner Schalter umgelegt werden. Der Schalter darunter ist für das Fernlicht. Immerhin, das hatten die spartanischen Fahrzeuge schon. Auch ein Radio ist vorhanden, ein Mini-Ablagefach – und eine Blumenvase. Sicherheitsgurt, Airbag, Servolenkung gibt’s dagegen nicht, ebensowenig einen Zigarettenanzünder. Daher muss mit der guten alten Landkarte navigiert werden.

Die geringe Knautschzone (unter der Haube sitzt nicht der Motor, sondern das Reserverad) und der hohe idelle Wert der Fahrzeuge (Lund hat den Oldtimer komplett restauriert) sorgen dafür, dass Goggofahrer vorausschauend und vorsichtig unterwegs sind. Der fehlende Sicherheitsgurt ist schnell vergessen, denn in der Bonsai-Limousine ist es kuschelig eng. „Dafür hat man eine vernünftige Rundumsicht“, sagt Lund. Stimmt. Die Holme sind ganz schmal, die Fensterfläche in Relation zum kleinen Wagen groß. Zeit zum Betrachten des Wittensees ist auch vorhanden.

Manchmal stehen Menschen am Wegesrand, winken fröhlich und fotografieren. Die grasgrünen, knallroten oder hellgelben Wagen machen gute Laune, auch wenn das Zweitakter-Gemisch (Verhältnis 1:25) gewöhnungsbedürfte Duftwolken hinterlässt. Gewöhnungsbedürftig ist auch die Vier-Gang-Schaltung, denn das „H“ liegt quer zum Auto und nicht längs. Die Federung bietet nicht den heutigen Komfort und das Kopfsteinplaster von Gut Steinwehr sagt jeder Bandscheibe „Guten Tag“. Aber dafür rollen Goggos seit 60 Jahren über deutsche Straßen.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen