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Landgericht Kiel : Prozess gegen Rendsburger Finanzamt-Schützen: Lauenroth stellt sich als Opfer dar

vom
Aus der Onlineredaktion

Am zweiten Verhandlungstag sagen Kollegen aus dem Finanzamt und ein Polizist aus. Der Beamte sah den Angeklagten weinen.

shz.de von
erstellt am 12.Mär.2015 | 13:45 Uhr

Kiel/Rendsburg | In dem Prozess gegen den des Mordes beschuldigten Steuerberater Olaf Lauenroth haben am Donnerstag die ersten Mitarbeiter des Rendsburger Finanzamtes ausgesagt. Außerdem war ein Polizist als Zeuge geladen.„Er sagte: Das Finanzamt habe Rufmord betrieben und sei verantwortlich für Mandatsverluste“, zitierte der Beamte vor dem Kieler Landgericht den Angeklagten. „Der Mann, den es erwischt habe, sei ein böser Mensch gewesen.“

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten Olaf Lauenroth heimtückischen Mord vor. Der Steuerberater stritt sich laut Anklage seit längerem mit den Mitarbeitern des Rendsburger Finanzamtes. Er soll geplant haben, sein Opfer am 1. September 2014 in dessen Büro zu erschießen. Der 57 Jahre alte Sachgebietsleiter brach - von drei Kugeln getroffen - zusammen und starb wenig später im Krankenhaus.

Ein 57-Jähriger Kollege des getöteten Finanzbeamten, dessen Büro sich neben dem Dienstzimmer des Opfers befand, schilderte vor Gericht, dass Lauenroth auf dem Flur auf den leitenden Finanzbeamten gewartet habe. Kurz vor 10 Uhr sei dieser erschienen, habe Lauenroth freundlich begrüßt und ihn in sein Dienstzimmer gebeten. „Dann passierte erstmal gar nichts, und dann hörte ich einen lauten Knall“, sagte der Zeuge.

Zunächst habe er dieses Geräusch mit den Bauarbeiten im Hause in Verbindung gebracht. Das Geräusch habe danach geklungen, als sei eine Holzplatte auf den Fußboden gefallen. Dann habe er einen zweiten Knall gehört, und jemand schrie: „Hilfe, helft mir.“ Dieser Ruf sei aus dem Büro des Opfers gekommen. Der Zeuge sagte, er habe daraufhin die Tür zum Büro seines Chefs geöffnet. Ihm zu Hilfe kam ein 21-jähriger Kollege, aber das habe er in diesen Sekunden gar nicht registriert. Beiden bot sich folgende Szene: Der leitende Finanzbeamte habe auf dem Rücken vor seinem Schreibtisch gelegen und sich nicht bewegt, während Olaf Lauenroth in seinem Rollstuhl saß und eine Waffe in der Hand hielt. Lauenroth habe gerufen: „Raus hier, ruft die Polizei.“ Ein dritter Beamter, 37 Jahre alt, erklärte, dass er bereits nach dem ersten Schuss Hilfeschreie gehört habe. Dann seien noch mindestens zwei weitere Schüsse gefallen.

Alle Zeugen sagten aus, dass Lauenroth vor der Tat einen entspannten Eindruck gemacht habe, als er im Flur des Finanzamtes wartete. Der 57-jährige Beamte schilderte, dass Lauenroth als Steuerberater sehr umfangreiche Einsprüche eingelegt und sehr eigenwillige Rechtsauffassungen vertreten habe. Wenn er „komische Sachen“ beantragt habe, sei intensiver geprüft worden. „Es war sehr mühsam, seine Sachen zu bearbeiten. Es war sehr arbeitsintensiv“. Auf Vorhalt des Vorsitzenden Richters Jörg Brommann erklärte der Zeuge, dass es eine Dienstanweisung gegeben habe, dass alle Lauenroth-Fälle über den Tisch des leitenden Finanzbeamten gehen mussten.

Lauenroth hatte am ersten Prozesstag dem Finanzamt vorgeworfen, seine Fälle verzögert bearbeitet zu haben. Zudem, so Lauenroth, habe sich das Finanzamt direkt an seine Mandanten gewandt, ihn schlecht gemacht und den Klienten empfohlen, den Steuerberater zu wechseln. Brommann konfrontierte den 57-jährigen Beamten mit diesem Vorwurf. Dieser erwiderte, dass er niemals nach außen hin gesagt habe, dass Lauenroths Mandanten den Steuerberater wechseln sollten. „Gesagt habe ich es nicht, aber gedacht“, ergänzte er. Allerdings habe man intern darüber geredet.

Der als Zeuge geladene Polizist war mit Lauenroth nach seiner Festnahme für einen Alkohol- und Medikamenten-Test im Krankenhaus. Dort habe der Angeklagte auf einem Bett gesessen und von sich aus angefangen zu erzählen. Trotz seines Einwurfs, er würde sich belasten, habe der Mann weiter geredet - von Streitereien mit der Berufsgenossenschaft und der Behörde.

„Ich habe ihn wahrgenommen als ein großes Stück Elend“, sagte der Beamte. „Er stellte sich so dar, als sei er das Opfer gewesen.“ Das Ganze sei für ihn wie eine „surreale Szene“ gewesen: „Jemand, der jemanden gerade erschossen hat, sitzt auf dem Bett mit kaputten Beinen und Tränen in den Augen.“ Der Angeklagte habe im Krankenhaus keine Reue gezeigt, sagte der Polizist. Am Donnerstag wollte das Gericht auch Kollegen des Opfers befragen.

Das passierte am ersten Verhandlungstag:

Das Schwurgericht unter Leitung des Vorsitzenden Richters Jörg Brommann hat für den Prozess fünf Verhandlungstage angesetzt. Insgesamt sind 16 Zeugen geladen. Lauenroth droht lebenslange Haft. Das Urteil wird Ende März erwartet.

shz.de fasst die Ereignisse von damals zusammen:

1. September 2014

Im Rendsburger Finanzamt wurde am 1. September 2014 ein Beamter erschossen.
Im Rendsburger Finanzamt wurde am 1. September 2014 ein Beamter erschossen. Foto: dpa
 

Olaf Lauenroth kommt gegen 10 Uhr ins Rendsburger Finanzamt. Der Steuerberater aus Fockbek geht in ein Büro im Erdgeschoss, beginnt ein Gespräch mit dem für ihn zuständigen Sachgebietsleiter. Die beiden Männer sind allein im Raum. Zeugen hören einen lautstarken Streit. Der Angeklagte zieht laut Anklage unvermittelt eine Pistole drückt ab. Mehrere Schüsse fallen. Mitarbeiter des Finanzamts alarmieren die Polizei. Olaf Lauenroth wird noch im Büro des Beamten festgenommen. Nach Angaben seines Verteidigers hatte er noch die Waffe in der Hand.

Das Opfer kommt verletzt mit einem Rettungswagen in die Rendsburger Imland-Klinik. Dort erliegt der 57-jährige Finanzbeamte seinen Verletzungen.

Die Kollegen des Getöteten reagieren geschockt. Sie verlassen kurz nach der Tat das Amtsgebäude. Der Kundenverkehr wird für zwei Tage abgesagt.

Eine Diskussion beginnt, wie Mitarbeiter in Behörden besser geschützt werden können. Einerseits wollen die Behörden den Menschen in unserer demokratischen Gesellschaft offen begegnen. Andererseits gelte es, Risiken zu vermindern, erklärt Finanzministerin Monika Heinold (Grüne), die am Tag der Tat sofort nach Rendsburg eilte.

 

2. September 2014

Kein Kundenverkehr: Auch heute bleibt das Rendsburger Finanzamt geschlossen.
Kein Kundenverkehr: Auch heute bleibt das Rendsburger Finanzamt geschlossen. Foto: höf
 

Das Finanzamt bleibt am Tag nach der Tat geschlossen. Olaf Lauenroth wird in Kiel dem Haftrichter vorgeführt. Dieser erlässt gegen den 55-Jährigen Haftbefehl wegen Mordes. Dem Steuerberater legt er zur Last, am Montagmorgen den Beamten des Rendsburger Finanzamtes, Wolfgang B., in dessen Büro erschossen zu haben. Lauenroth kommt in Untersuchungshaft in die Justizvollzugsanstalt Lübeck. Dass Lauenroth in der Hansestadt und nicht in Neumünster einsitzt, ist auf seinen Gesundheitszustand zurückzuführen. Lauenroth ist nach einem Unfall zeitweise auf den Rollstuhl angewiesen. In der JVA Lübeck können auch körperbehinderte Verdächtige und Verurteilte untergebracht werden.

Aus Polizeikreisen ist zu hören, dass viele Aspekte des Falles auf eine vorsätzliche Tat hindeuten. Eines der Indizien dafür ist ein Brief, den die Polizei bei der Durchsuchung von Lauenroths Wohnhaus in Fockbek entdeckt hat. Das Schreiben ist an seine von ihm getrennt lebende Ehefrau gerichtet. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa macht er darin das Finanzamt für seine finanzielle Misere verantwortlich. Er soll drastische Worte gewählt haben.

Außerdem wird bekannt, dass der Angeklagte einen Jagdschein besitzt. Das bestätigt die Kreisverwaltung Rendsburg-Eckernförde, die 2010 und 2013 routinemäßig seine Eignung zum Besitz von Waffen überprüfte – ohne Beanstandungen. Lauenroth hatte in seinem Waffenschrank eine Pistole der Marke Beretta und sechs Gewehre. Das Opfer im Finanzamt wurde mit Schüssen aus einer Beretta getötet.

 

12. September 2014

Der Sarg des getöteten Mitarbeiters des Finanzamts Rendsburg aus der Kirche St. Martin getragen.
Der Sarg des getöteten Mitarbeiters des Finanzamts Rendsburg aus der Kirche St. Martin getragen. Foto: Axel Heimken
 

Familie und Kollegen nehmen am Freitag in der St.-Martin-Kirche in Nortorf von dem erschossenen Finanzbeamten Abschied. Auch Ministerpräsident Torsten Albig und Finanzministerin Monika Heinold sind unter den 300 Gästen.

 

25. November 2014

„Mit voller Hingabe arbeiten“: Holger Diehr freut sich auf seine Arbeit im Fockbeker Rathaus.
„Mit voller Hingabe arbeiten“: Holger Diehr freut sich auf seine Arbeit im Fockbeker Rathaus. Foto: Haller
 

Olaf Lauenroth streitet sich mit seiner Heimatgemeinde Fockbek. Bürgermeister Holger Diehr bestätigte gegenüber der Landeszeitung in Rendsburg, dass der 55-Jährige offiziell eine „Ehrengabe“ fordere. Lauenroth erwartet diese Ehrengabe als Anerkennung für sein kommunalpolitisches Engagement. Er war nach der Kommunalwahl 2013 über die FDP-Liste in die Gemeindevertretung gewählt worden. Da er seit der Bluttat in Untersuchungshaft in Lübeck sitzt, kann er das Mandat nicht mehr ausüben.

Seine FDP-Mitgliedschaft soll Lauenroth nach Angaben der Kreisvorsitzenden inzwischen aufgegeben haben. Sein politisches Mandat in der Gemeindevertretung besitzt er aber noch immer. Wenn er es nicht selbst niederlegt, könnte es ihm die Kommunalaufsicht nach dem Gemeinde- und Kreiswahlgesetz erst bei einer rechtskräftigen Verurteilung aberkennen.

 

20. Januar 2015

 

Die Staatsanwaltschaft Kiel erhebt gegen den mutmaßlichen Rendsburger Todesschützen Anklage. Dem 55 Jahre alten Steuerberater Olaf Lauenroth wird Mord aus Heimtücke vorgeworfen, sagt Oberstaatsanwältin Birgit Heß.

 

4. Februar 2015

 

Gerichtssprecherin Rebekka Kleine gibt bekannt, dass der Prozess gegen Lauenroth am 11. März beginnen soll. Das Schwurgericht unter Leitung des Vorsitzenden Richters Jörg Brommann hat für den Prozess fünf Verhandlungstage angesetzt. 16 Zeugen sind geladen. Zudem soll ein psychiatrischer Gutachter zur Persönlichkeit des Angeklagten und zur Frage der Schuldfähigkeit Stellung nehmen. Zur Todesursache wird sich ein Rechtsmediziner äußern. Die Witwe des getöteten Beamten tritt in dem Verfahren als Nebenklägerin auf. Bei einer Verurteilung wegen Mordes droht dem Angeklagten lebenslange Haft.

Die entscheidende Frage in dem Prozess wird nach Einschätzung von Beobachtern sein, ob der Verdächtige mit dem festen Vorsatz in das Finanzamt gegangen ist, den Beamten zu töten.

6. März 2015

Lauenroths Verteidiger erklärt gegenüber der Landeszeitung in Rendsburg, dass sein Mandant am ersten Prozesstag ein Geständnis ablegen will. Lauenroth werde die Verantwortung übernehmen, die tödlichen Schüsse auf den Beamten Wolfgang B. (57) abgegeben zu haben, sagte Anwalt Frank-Eckhard Brand aus Lübeck, wo Lauenroth im Gefängnis sitzt. „Er kann sich aber nicht erinnern, was ihn dazu hingerissen hat, so etwas zu tun. Er weiß auch nicht mehr, wie die Schüsse gefallen sind.“

 

(mit dpa-Material)

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