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Landgericht Kiel : Prozess gegen Rendsburger Finanzamt-Schützen: Lauenroth bittet um Verzeihung

vom

Seit heute steht Olaf Lauenroth vor Gericht. Die Anklage lautet Mord. shz.de über den Prozess und was bisher geschah.

shz.de von
erstellt am 11.03.2015 | 11:30 Uhr

Rendsburg/Kiel | Der angeklagte Fockbecker Steuerberater Olaf Lauenroth gesteht vor dem Kieler Landgericht: „Ich habe den Mann offensichtlich erschossen“. Das Ganze sei weder geplant gewesen, noch in Arglist geschehen. Überraschend gab er zudem eine persönliche Erklärung ab: Mit zitternden Knien erhob sich der stark gehbehinderte Angeklagte aus seinem Rollstuhl und bat mit brüchiger Stimme seine Frau und die Frau des getöteten Finanzbeamten um Verzeihung.

Die Staatsanwaltschaft wirft Lauenroth heimtückischen Mord vor. Der Steuerberater stritt sich laut Anklage seit längerem mit den Mitarbeitern des Finanzamtes. Er soll geplant haben, sein Opfer am 1. September 2014 in dessen Büro zu erschießen. Der 57 Jahre alte Sachgebietsleiter brach - von drei Kugeln getroffen - zusammen und starb wenig später im Krankenhaus.

Lauenroth kommt in den Gerichtssaal.
Lauenroth kommt in den Gerichtssaal. Foto: dpa

An Einzelheiten der Tat will sich Lauenroth nicht erinnern können. Vor der Schwurgerichtskammer des Kieler Landgerichts berief er sich darauf, dass er noch wisse, wie er mit dem Rollstuhl in das Büro seines späteren Opfers hineingefahren sei. Ab diesem Zeitpunkt setze sein Gedächtnis aus, er könne sich nicht erinnern, wie es zu den tödlichen Schüssen auf den Beamten gekommen sei. Seine Erinnerung setze erst wieder ein, als es an der Tür geklopft habe. Er habe den auf dem Boden liegenden Finanzbeamten gesehen und gleichzeitig bemerkt, eine Waffe in der Hand zu halten.

Lauenroth gab außerdem an, dass er die Waffe nicht bewusst mit ins Finanzamt genommen habe. Vielmehr habe er in der Nacht zuvor seine Beretta gereinigt, neu geladen und gesichert, daraufhin in die Hosentasche gesteckt und schließlich vergessen, die Waffe mit sich zu führen. Die Nacht verbrachte er im Rollstuhl. Als er am nächsten Morgen zum Finanzamt fuhr, konnte er sich noch immer nicht an die Waffe in seiner Hosentasche erinnern. Auch dann nicht, als er vor dem Büro seines Opfers in die Hemdtasche griff, um seine Schmerzpillen zu nehmen. In derselben Hemdtasche befanden sich mehrere Patronen.

Auf Nachfrage des Staatsanwaltes fand Lauenroth es zwar selbst merkwürdig, die Patronen dabeizuhaben, dennoch sei es ihm nicht in den Sinn gekommen, die Beretta in der Hosentasche zu haben. Lauenroth berief sich in seiner ersten Vernehmung wiederholt darauf, dass er wegen starker Schmerzen (Morbus bechterew) am Morgen der Tat 20 verschiedene Medikamente eingenommen habe. Auf Nachfrage sagte Lauenroth, dass sein späteres Opfer ihn zwar freundlich begrüßt habe. Dennoch sei er wohl von dem Beamten ausgelacht oder beleidigt worden. Daran könne er sich aber nicht genau erinnern. Wörtlich sagte er: „Es kommt mir so vor, als ob er mich ausgelacht oder beleidigt hat. (...) Jeder Mensch ist nur begrenzt belastbar.“

Lauenroth war ins Finanzamt gefahren, weil der später getötete Finanzbeamte ein „Klimagespräch“ mit ihm führen wollte. B. habe das damit begründet, dass sich Lauenroth gegenüber den Finanzbeamten „laufend beleidigend und unflätig“ verhalten haben soll. „Seit 20 Jahren versuche ich, als schwerbehinderter Steuerberater durchzukommen.“ Die Behörde habe ihn jedoch gegenüber seinen Mandaten schlecht gemacht und diese vergrault. Es habe Repressalien der Behörde gegeben. Er habe die Beleidigungen aus dem Weg räumen wollen, „aber nicht ihn“.

Als belastend dürfte sich ein Schreiben erweisen, das die Polizei nach der Bluttat in Lauenroths Haus gefunden hat. Der Vorsitzende Richter trug das an Lauenroths Frau gerichtete Schreiben vor. Darin heißt es: „Ich habe Dich geliebt, aber ich kann Dir leider nicht mehr weiterhelfen, weil mir meine Mandanten vom Finanzamt abspenstig gemacht werden.“ Er selbst werde wohl das Gefängnis vor seinem Tod nicht verlassen. Der betreffende Beamte sei ein „böser Mensch“. Weiter heißt es: „Ich werde diesem Drama ein Ende setzen“. Allerdings hatte Lauenroth dies in Bezug auf einen Sachbearbeiter des Finanzamtes geschrieben, nicht in Bezug auf sein späteres Opfer. Lauenroth sagte dazu, dass der Brief ein „Muster“ sei, das er in einem geistig angespannten Lage geschrieben habe: „Das ist Blödsinn, was da geschrieben steht.“

shz.de fasst die Ereignisse von damals zusammen:

1. September 2014

Im Rendsburger Finanzamt wurde am 1. September 2014 ein Beamter erschossen.
Im Rendsburger Finanzamt wurde am 1. September 2014 ein Beamter erschossen. Foto: dpa
 

Olaf Lauenroth kommt gegen 10 Uhr ins Rendsburger Finanzamt. Der Steuerberater aus Fockbek geht in ein Büro im Erdgeschoss, beginnt ein Gespräch mit dem für ihn zuständigen Sachgebietsleiter. Die beiden Männer sind allein im Raum. Zeugen hören einen lautstarken Streit. Der Angeklagte zieht laut Anklage unvermittelt eine Pistole drückt ab. Mehrere Schüsse fallen. Mitarbeiter des Finanzamts alarmieren die Polizei. Olaf Lauenroth wird noch im Büro des Beamten festgenommen. Nach Angaben seines Verteidigers hatte er noch die Waffe in der Hand.

Das Opfer kommt verletzt mit einem Rettungswagen in die Rendsburger Imland-Klinik. Dort erliegt der 57-jährige Finanzbeamte seinen Verletzungen.

Die Kollegen des Getöteten reagieren geschockt. Sie verlassen kurz nach der Tat das Amtsgebäude. Der Kundenverkehr wird für zwei Tage abgesagt.

Eine Diskussion beginnt, wie Mitarbeiter in Behörden besser geschützt werden können. Einerseits wollen die Behörden den Menschen in unserer demokratischen Gesellschaft offen begegnen. Andererseits gelte es, Risiken zu vermindern, erklärt Finanzministerin Monika Heinold (Grüne), die am Tag der Tat sofort nach Rendsburg eilte.

 

2. September 2014

Kein Kundenverkehr: Auch heute bleibt das Rendsburger Finanzamt geschlossen.
Kein Kundenverkehr: Auch heute bleibt das Rendsburger Finanzamt geschlossen. Foto: höf
 

Das Finanzamt bleibt am Tag nach der Tat geschlossen. Olaf Lauenroth wird in Kiel dem Haftrichter vorgeführt. Dieser erlässt gegen den 55-Jährigen Haftbefehl wegen Mordes. Dem Steuerberater legt er zur Last, am Montagmorgen den Beamten des Rendsburger Finanzamtes, Wolfgang B., in dessen Büro erschossen zu haben. Lauenroth kommt in Untersuchungshaft in die Justizvollzugsanstalt Lübeck. Dass Lauenroth in der Hansestadt und nicht in Neumünster einsitzt, ist auf seinen Gesundheitszustand zurückzuführen. Lauenroth ist nach einem Unfall zeitweise auf den Rollstuhl angewiesen. In der JVA Lübeck können auch körperbehinderte Verdächtige und Verurteilte untergebracht werden.

Aus Polizeikreisen ist zu hören, dass viele Aspekte des Falles auf eine vorsätzliche Tat hindeuten. Eines der Indizien dafür ist ein Brief, den die Polizei bei der Durchsuchung von Lauenroths Wohnhaus in Fockbek entdeckt hat. Das Schreiben ist an seine von ihm getrennt lebende Ehefrau gerichtet. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa macht er darin das Finanzamt für seine finanzielle Misere verantwortlich. Er soll drastische Worte gewählt haben.

Außerdem wird bekannt, dass der Angeklagte einen Jagdschein besitzt. Das bestätigt die Kreisverwaltung Rendsburg-Eckernförde, die 2010 und 2013 routinemäßig seine Eignung zum Besitz von Waffen überprüfte – ohne Beanstandungen. Lauenroth hatte in seinem Waffenschrank eine Pistole der Marke Beretta und sechs Gewehre. Das Opfer im Finanzamt wurde mit Schüssen aus einer Beretta getötet.

 

12. September 2014

Der Sarg des getöteten Mitarbeiters des Finanzamts Rendsburg aus der Kirche St. Martin getragen.
Der Sarg des getöteten Mitarbeiters des Finanzamts Rendsburg aus der Kirche St. Martin getragen. Foto: Axel Heimken
 

Familie und Kollegen nehmen am Freitag in der St.-Martin-Kirche in Nortorf von dem erschossenen Finanzbeamten Abschied. Auch Ministerpräsident Torsten Albig und Finanzministerin Monika Heinold sind unter den 300 Gästen.

 

25. November 2014

„Mit voller Hingabe arbeiten“: Holger Diehr freut sich auf seine Arbeit im Fockbeker Rathaus.
„Mit voller Hingabe arbeiten“: Holger Diehr freut sich auf seine Arbeit im Fockbeker Rathaus. Foto: Haller
 

Olaf Lauenroth streitet sich mit seiner Heimatgemeinde Fockbek. Bürgermeister Holger Diehr bestätigte gegenüber der Landeszeitung in Rendsburg, dass der 55-Jährige offiziell eine „Ehrengabe“ fordere. Lauenroth erwartet diese Ehrengabe als Anerkennung für sein kommunalpolitisches Engagement. Er war nach der Kommunalwahl 2013 über die FDP-Liste in die Gemeindevertretung gewählt worden. Da er seit der Bluttat in Untersuchungshaft in Lübeck sitzt, kann er das Mandat nicht mehr ausüben.

Seine FDP-Mitgliedschaft soll Lauenroth nach Angaben der Kreisvorsitzenden inzwischen aufgegeben haben. Sein politisches Mandat in der Gemeindevertretung besitzt er aber noch immer. Wenn er es nicht selbst niederlegt, könnte es ihm die Kommunalaufsicht nach dem Gemeinde- und Kreiswahlgesetz erst bei einer rechtskräftigen Verurteilung aberkennen.

 

20. Januar 2015

Die Staatsanwaltschaft Kiel erhebt gegen den mutmaßlichen Rendsburger Todesschützen Anklage. Dem 55 Jahre alten Steuerberater Olaf Lauenroth wird Mord aus Heimtücke vorgeworfen, sagt Oberstaatsanwältin Birgit Heß.

 

4. Februar 2015

Gerichtssprecherin Rebekka Kleine gibt bekannt, dass der Prozess gegen Lauenroth am 11. März beginnen soll. Das Schwurgericht unter Leitung des Vorsitzenden Richters Jörg Brommann hat für den Prozess fünf Verhandlungstage angesetzt. 16 Zeugen sind geladen. Zudem soll ein psychiatrischer Gutachter zur Persönlichkeit des Angeklagten und zur Frage der Schuldfähigkeit Stellung nehmen. Zur Todesursache wird sich ein Rechtsmediziner äußern. Die Witwe des getöteten Beamten tritt in dem Verfahren als Nebenklägerin auf. Bei einer Verurteilung wegen Mordes droht dem Angeklagten lebenslange Haft.

Die entscheidende Frage in dem Prozess wird nach Einschätzung von Beobachtern sein, ob der Verdächtige mit dem festen Vorsatz in das Finanzamt gegangen ist, den Beamten zu töten.

6. März 2015

Lauenroths Verteidiger erklärt gegenüber der Landeszeitung in Rendsburg, dass sein Mandant am ersten Prozesstag ein Geständnis ablegen will. Lauenroth werde die Verantwortung übernehmen, die tödlichen Schüsse auf den Beamten Wolfgang B. (57) abgegeben zu haben, sagte Anwalt Frank-Eckhard Brand aus Lübeck, wo Lauenroth im Gefängnis sitzt. „Er kann sich aber nicht erinnern, was ihn dazu hingerissen hat, so etwas zu tun. Er weiß auch nicht mehr, wie die Schüsse gefallen sind.“

 

(mit dpa-Material)

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