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Zwischenfall in Flüchtlingsunterkunft : Polizeihund attackiert jungen Syrer

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Bei einem Polizeieinsatz in der Rendsburger Kaiserstraße wurde ein 20-Jähriger durch Bisse verletzt. Die Flüchtlingshilfe Schleswig-Holstein kritisiert das Vorgehen der Polizei. Diese wiederum verteidigt den Einsatz.

Rendsburg | Ein junger Mann flüchtet aus Syrien, allein und ohne seine Eltern, findet in der Rendsburger Kaiserstraße Unterkunft und gerät mit der Polizei aneinander – genauer mit einem Polizeihund. Bisswunden sind die Folge und ein mehrtägiger Krankenhausaufenthalt. „Der Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein protestiert gegen die in diesem Fall offenbar völlig unverhältnismäßige Polizeigewalt“, heißt es dazu in einer Pressemitteilung der Organisation, die am Mittwoch verbreitet wurde. Und das Netzwerk Asyl Rendsburg fordert ein Disziplinarverfahren gegen die beteiligten Beamten.

Die Kieler Staatsanwaltschaft hat am Donnerstag ein Ermittlungsverfahren gegen den syrischen Flüchtling eingeleitet. Die Behörde werde den Vorfall prüfen, der in seinen Einzelheiten unterschiedlich geschildert werde, sagte Oberstaatsanwältin Birgit Heß. Aus polizeilicher Sicht habe der Mann Widerstand geleistet. Der Grüne Landtagsfraktionsvize Rasmus Andresen forderte: „Die Angriffe gegen den syrischen Flüchtling müssen aufgeklärt und eine Polizeibeschwerdestelle eingerichtet werden.“ Die Polizei müsse sich zu den Vorgängen erklären und sich bei dem Opfer entschuldigen. Die Grünen prüften, ob das Thema im Innenausschuss des Landtags behandelt werden soll.

Solveigh Deutschmann ist seit 25 Jahren in der Ausländerarbeit tätig. Seit vier Jahren betreut und berät sie Flüchtlinge. Den jungen Syrer, der seit etwa sechs Wochen in der Bundesrepublik ist und kein Deutsch spricht, hat sie alle zwei Tage besucht und beschreibt ihn als „netten jungen Mann“. Von ihm und anderen Bewohnern der Kaiserstraße hat sie erfahren, was sich in der Nacht vom 17. auf den 18. Februar ereignet hat. Wegen eines Streits unter den Männern in der Flüchtlingsunterkunft war die Polizei gerufen worden. Die Beamten kamen mit vierbeiniger Unterstützung. Von „einem offenbar höchst aggressiven Hund“, spricht der Flüchtlingsrat. Der Hund „trug keinen Maulkorb, war nicht angeleint und konnte nur mit Mühe von einer Polizistin am Halsband gehalten werden“. Vom Opfer sei keinerlei körperlicher Widerstand ausgegangen, betont der Flüchtlingsrat. Es habe offenbar lediglich die Aufforderungen der Polizei nicht verstanden.

Der junge Mann schildert später, was dann geschah: „Als ich den Hund streicheln wollte, biss er sofort in mein linkes Handgelenk. Ich fiel nach hinten auf den Boden. Der Hund stürzte sich auf mich und biss in meinen Oberschenkel. An alles Weitere erinnere ich mich nicht, weil ich das Bewusstsein verlor.“

Aus Polizeisicht liefen die Ereignisse wie folgt ab: Es hieß, dass „einer der Bewohner immer mal wieder negativ auffiel“, gibt Pressesprecher Sönke Hinrichs den Bericht seiner Kollegen wieder, und dass der Betroffene randaliere. Die Polizisten wussten nicht, in welcher Etage des mehrstöckigen Gebäudes sich die Streithähne befanden. Gleich im Erdgeschoss trafen sie auf den Syrer, „offenbar angetrunken und mit einem großen Bierkrug in der Hand.“ Auf die Aufforderung, den Krug wegzustellen, habe der Mann nicht reagiert. Der Hund wurde unruhig. Der Mann machte einen Schritt nach vorn, der Hund biss zu. Als der 20-Jährige am Boden lag, wurden ihm Handschellen angelegt.

„Schon der Sachverhalt, zu einem Routineeinsatz wegen häuslicher Streitigkeiten mit einem offenbar ‚tollwütigen‘ Hund zu erscheinen, den die Beamten selbst nicht zu bändigen wussten, entbehrt jeglicher Rechtfertigung“, kritisiert der Flüchtlingsrat den Einsatz. Dem hält Polizeisprecher Hinrichs entgegen: „Das Tier ist nicht aggressiv, sonst wäre es kein Polizeihund.“ Man könne sicher sein, dass ein Hundeführer sein Tier im Griff habe. „Der Hund verteidigte seinen Führer – und das macht er ganz konsequent.“ Ein Maulkorb würde bei einer Gefahrenlage keinen Sinn machen. Zudem würde ein Polizist einen möglichen Angriff – auch mit einem Bierseidel – nicht abwarten.

Die Folgen für den jungen Mann sind schmerzhaft. Seine besorgte Betreuerin machte ihn einige Tage nach dem Vorfall im Krankenhaus ausfindig, „den Arm in Gips, Verbände an den Beinen.“ Der Flüchtling befreite den Arzt von der Schweigepflicht und so erfuhr Deutschmann von den Verletzungen: Bisswunden am linken Unterarm, am rechten Oberschenkel, am linken und rechten Innenschenkel sowie am Hodensack, außerdem diverse kleine Hundebisse, Schürfwunden sowie Blutergüsse.

Für die Betreuerin, den Flüchtlingsrat und das Netzwerk Asyl Rendsburg steht fest: „Dass Verständigungsschwierigkeiten mit einem Flüchtling, die offenbar auf noch fehlenden Sprachkenntnissen beruhen, mit solcher Brutalität geahndet werden, bedarf dringend disziplinarischer Maßnahmen“. Kein Verständnis haben sie, dass Anzeige wegen Widerstandes gegen die Polizei eingereicht wurde und das Opfer „im Nachhinein kriminalisiert werden soll“.

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erstellt am 27.Feb.2014 | 10:30 Uhr

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