Obdachlos in Rendsburg : Plötzlich ohne eigene vier Wände

Hilfe für Menschen ohne eigene Adresse: Obdachlosen-Betreuer Knut Langmaack, der ehrenamtliche Mitarbeiter Rolf Maser und Sozialpädagogin Claudia Feilscher (v.li.) von der Beratungsstelle für Obdachlose in der Materialhofstraße 7. Foto: Höfer
Hilfe für Menschen ohne eigene Adresse: Obdachlosen-Betreuer Knut Langmaack, der ehrenamtliche Mitarbeiter Rolf Maser und Sozialpädagogin Claudia Feilscher (v.li.) von der Beratungsstelle für Obdachlose in der Materialhofstraße 7. Foto: Höfer

Die Zahl der Menschen ohne Wohnung wächst in Rendsburg. Die Situation verschärft sich, warnen Mitarbeiter der Obdachlosen-Beratungsstelle.

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18. September 2012, 08:32 Uhr

Rendsburg | Er führte ein scheinbar geregeltes Leben. Der junge Rendsburger hatte einen Job, sah gepflegt aus und litt weder unter Spiel- noch Alkoholsucht. Dann aber ging es für den Mittzwanziger bergab. Innerhalb eines halben Jahres landete er auf der Straße - und fand Hilfe bei der Kontakt- und Beratungsstelle für Obdachlose und von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen. Bei der Einrichtung des Diakonischen Werks registriert man immer mehr Fälle von Menschen, die plötzlich ohne eigene vier Wände auskommen müssen. Gleichzeitig wird die Vermittlung der Klienten in dauerhaften Mietraum immer zeitaufwendiger und intensiver.
Im Fall des jungen Rendsburgers war es eine Verkettung privater Probleme, die in der Zwangsräumung seiner Wohnung gipfelte. Seine Freundin hatte sich von ihm getrennt. In der Folge häuften sich die Schulden, auch die Miete konnte er nicht mehr bezahlen. Formale Fehler im Umgang mit den Behörden, Pfändung des Girokontos, Räumungsklage, Räumungstermin, Zwangsräumung - die Spirale nach unten drehte sich weiter. Anfang des Jahres suchte der Mann die Beratungsstelle auf und lebte zeitweise im Wohnhaus für Obdachlose in der Materialhofstraße.
"Manchmal frage ich mich: Warum kommt der hierher?"
"Zu uns kommen zunehmend Menschen, die sehr gefestigt wirken", sagt Ulrich Kaminski, als Fachbereichsleiter im Diakonischen Werk unter anderem für Obdachlose zuständig. "Manchmal frage ich mich: Warum kommt der denn hierher?" Nicht selten trifft es sogenannte Grenzverdiener - Menschen, die einer geregelten Arbeit nachgehen, gesund sind und dennoch finanziell in eine Schieflage geraten, sobald etwas Unvorhergesehenes passiert. Zum Beispiel die teure Reparatur des Autos, das benötigt wird, um zur Arbeitsstelle zu kommen, weil es an dem Standort keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt. Oder weil das Arbeitslosengeld im Voraus gezahlt wird, der Lohn jedoch im Nachhinein. Mit der Konsequenz, dass einen Monat kein Geld fließt. "Es entsteht eine sich aufschiebende Schuld, die in Bezug auf die Miete zur Kündigung führen kann", erklärt Sozialpädagogin Claudia Feilscher von der Beratungsstelle.
Als einen weiteren Grund für den Anstieg der Fallzahlen und die veränderte Klientel nennt Kaminski den rigideren Umgang von Wohnungsunternehmen mit den Mietern. "Die Vermieter sind schneller mit den Räumungsklagen." Und nicht nur das: Auch die Richter und das Jobcenter der Bundesagentur für Arbeit lassen sich nach Einschätzung des Experten vom Diakonischen Werk weniger Zeit als früher. "Die Gerichte sind fixer und das Jobcenter kürzt schneller Leistungen."
91 Räumungsklagen bislang in diesem Jahr
Die Zahlen aus den vergangenen Jahren bestätigen die Schilderungen. 2010 wurden in Rendsburg 128 Räumungsklagen ausgesprochen, in 48 Fällen kam es tatsächlich zum "Rausschmiss" (37 Prozent). Im Jahr darauf wurden bereits 57 Prozent aller Klagen auch vollstreckt (119 Klagen, 68 Räumungen). Seit Januar dieses Jahres stehen im Rendsburger Rathaus bislang 91 Räumungsklagen zu Buche. Von ihnen wurden allerdings erst 36 in die Tat umgesetzt. Auch die Zahl der richterlich angeordneten Räumungstermine liegt noch deutlich unter dem Wert des Vorjahres (64 Termine bis Freitag, 101 im gesamten Jahr 2011).
Verlangsamt sich der Trend also? Ein anderes Indiz spricht dagegen: Durchschnittlich drei Menschen pro Woche beantragen bei der Beratungsstelle die Einrichtung einer neutralen Postadresse - so viele wie noch nie. Die Anschrift ist notwendig, um staatliche Leistungen zu kassieren. Ein "c/o" bei Freunden und Bekannten reicht in den meisten Fällen nicht aus und führt möglicherweise zu Problemen. Grund: Die Mitarbeiter im Jobcenter könnten eine Bedarfsgemeinschaft vermuten.

Die Kontakt- und Beratungsstelle für Obdachlose und von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen (gefördert von der "Aktion Mensch" und der Stadt Rendsburg, Träger: Diakonisches Werk der Kirchenkreise Rendsburg und Eckernförde) benötigt für die kommende Winterhilfe noch Schlafsäcke. Spender melden sich unter Tel. 04331/69630.

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