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Rendsburg : Pilgern – das ist Wandern auf dem Weg nach innen

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Ein Unfall machte Werner Heidel nachdenklich. Er ist Pilgerbegleiter der Nordelbischen Kirche.

von
erstellt am 15.Aug.2014 | 15:06 Uhr

Wer pilgert, muss nicht unbedingt die mehr als 3000 Kilometer von Rendsburg bis nach Santiago de Compostela zurücklegen. Werner und Gabriele Heidel aus Schacht-Audorf sind noch nie bis Spanien gekommen. Das geografische Ziel sei nicht entscheidend, sagen sie. Pilgern sei auch nicht an eine Institution gebunden. „Es geht um den gemeinsamen Austausch“, erklärt Gabriele Heidel. Es gehe darum, seinen Tunnelblick zu öffnen – weit nach außen, aber auch nach innen zu schauen. Diese Möglichkeit bietet die Pilgergemeinschaft Rendsburg einmal im Monat an, und zahlreiche Menschen folgen dem Angebot.

Gabriele Heidel ist Küsterin von St. Jakobi in Ostenfeld. Sie hat in diesem Jahr ihre elfte Pilgerwanderung in zwölf Jahren zurück gelegt – zehn Tage von Kloster zu Kloster in Mecklenburg. Denn dort entstand 1985 die evangelische Pilgerbewegung. In der Ostenfelder Kirche beginnen etliche der monatlichen Touren, entweder mit einem Gottesdienst oder einer Taizé-Andacht. Manchmal übernimmt Werner Heidel die geistliche Leitung, denn er hat vor zwei Jahren eine Ausbildung zum Pilgerbegleiter absolviert. Das macht Gabriele Heidel stolz. „Ich habe ihn da nicht hingebracht, das hat das Leben.“

Der ehemalige Maschinenbautechniker, ein rationaler Mensch, fuhr durch den Kanaltunnel, als er einen Unfall hatte. „Ich folgte einem schwarzen Golf “, erzählt er. „Bis zur Hochbrücke.“ Als er im Krankenhaus aufwachte, stellte er fest, dass ein Körper im Tunnel geblieben, die Seele dem Golf gefolgt war. „Eine prägende Erfahrung“, sagt Heidel. Später zwang ihn eine Krebserkrankung in die Knie. „Leg’ Gott alles vor die Füße, er soll es für dich regeln“, riet ihm ein Pilgerbruder. Das fiel dem heute 63-Jährigen gar nicht so leicht. Aber es half.

Doch das Ehepaar Heidel betont: „Wir wollen nicht missionieren“. Werner Heidel bezeichnet sich als gläubig, steht aber der Institution Kirche kritisch gegenüber. „Hier geht es um den Menschen, seine Ängste und seine Lebensfreude“, sagt er. Allerdings ist es in der Pilgergruppe jedem frei gestellt, ob er über sich reden möchte. Seine Ehefrau hat jedoch die Erfahrung gemacht, dass schnell eine Nähe entsteht, die es möglich mache, über persönliche Gedanken oder Sorgen zu sprechen. Nicht über den neuen Tatort, Reisen oder Computer, sondern über die kranken Eltern oder den Selbstmord des Sohnes. „Man kommt schnell zum Wesentlichen.“

Das Besondere an den Touren in und um Rendsburg: Sie stehen immer unter einem Thema. Abschied nehmen, Fasten oder Erntedank sind nur einige davon. Rund um den Wittensee, entlang der Untereider oder in die nähere Umgebung der Kanalstadt führen die – nicht ausgeschilderten – Routen, auf denen die Heidels pilgern. Sie sind unterschiedlich lang, damit auch Anfänger eine Chance haben. Eine bestimmte Kleidung sei auch nicht notwendig, betonen sie. „Ich gehe in Sandalen und barfuß“, lacht Gabriele Heidel.

Momenten bereiten die beiden Schacht-Audorfer die nächste Wanderung vor: Am Sonntag, 14. September, heißt es ab 9 Uhr „Pilgern mit irischen Segenssprüchen“. Aber nach Santiago de Compostela, gestehen sie, „würden wir auch gerne noch einmal laufen“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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