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Landeszeitung

22. Oktober 2017 | 10:27 Uhr

Sehestedt : Petra Reibers neue Heimat

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Als „ungekrönte Königin von Sylt“ wurde sie bezeichnet. Fast 25 Jahre lang war Petra Reiber Bürgermeisterin auf der Insel. Am Nord-Ostsee-Kanal will sie ausloten, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll.

Die Katze sitzt im Schlafzimmerschrank und will dort auch bleiben. Der Umzug von Sylt hat sie verstört, sie fremdelt sie noch mit Sehestedt. Würde sie ihr Versteck verlassen, könnte sie aus den bodentiefen Schlafzimmer-Fenstern direkt auf den Nord-Ostsee-Kanal blicken, gemeinsam mit Petra Reiber. Die sieht dort morgens häufig Schwäne, die ihre Flügelspitzen „tack, tack, tack“ ins Wasser tauchen. Seit Ende August ist Petra Reiber nun in der Gemeinde zwischen Rendsburg und Eckernförde vor Anker gegangen. Hier will die ehemalige Bürgermeisterin der Gemeinde Sylt ausloten, wie es weitergehen soll mit ihrem Leben.

Die Schwäne, ohnehin die ganze Natur im Erholungsgebiet Hüttener Berge, die tun bei dieser Kurs-Suche gut: „Da geht der Blutdruck ganz schnell runter.“ Trotzdem: Auch wenn die 58-Jährige nicht so fremdelt wie die Katze – einfach ist so ein Neustart nicht. Die längste Zeit ihres Erwachsenenlebens, fast 25 Jahre, war Petra Reiber Bürgermeisterin, aus ganzem Herzen und mit streng durchgetakteten Arbeitstagen, oft auch am Wochenende. Nach der Amtsübergabe an Nikolas Häckel, der Aufregung des Umzugs, dem Einrichten des neuen Zuhauses, in dem sie mit ihrem Ehemann Thomas Wacker lebt, fehlte diese Taktung auf einmal. Und damit begann die „traurige Phase“, wie Reiber es formuliert. „Ich fühlte mich nutzlos.“ Sie habe sich dann selbst Aufgaben gestellt, Fenster putzen oder ein Beet im Garten umgraben, „aber das kam mir natürlich auch sinnlos vor. Ich brauche einfach eine neue Aufgabe“. Zunächst engagierte sie sich ehrenamtlich als Flüchtlingshelferin in Rendsburg, sortierte Kleidung, half den Asylsuchenden beim Einzug in die Containersiedlung. „Das hat mir schon Freude bereitet.“

Auf dem Tisch im hellen Wintergarten lernt sie zwischendurch Arabisch. Sie überlegt, ob sie die Sprache nicht noch studieren will. Schwer sei die Sprache, sagt Reiber, sauschwer sogar. Aber das sieht sie eher als spannende Herausforderung. In den vergangenen Wochen hat sie außerdem angefangen, die Zeitung nach Stellenanzeigen durchzusehen und schrieb die ersten Bewerbungen nach 25 Jahren. Was sie machen will? So ganz klar ist es ihr noch nicht. Auf jeden Fall steht nun ein Vorstellungsgespräch als hauptamtliche Flüchtlingskoordinatorin an, das könne sie sich vorstellen. „Ich will etwas machen, was mir Freude bereitet, was sinnvoll ist und was mir immer noch genügend Freizeit lässt.“ Auf keinen Fall wieder 60 oder mehr Stunden in der Woche arbeiten – dann hätte sie ja gleich auf Sylt bleiben können. Dass sie gegangen ist, das bereue sie nicht: „Ich verbinde mit Sylt vor allem Arbeit.“ Sie habe schon in den vergangenen Jahren immer wieder gemerkt, wie gut es ihr tue, am Wochenende mal nicht auf der Insel zu sein, sondern in ihrem Sehestedter Garten herum zu puzzeln. Und außerdem, als Nicht-Bürgermeisterin auf Sylt zu leben, das würde nicht gut funktionieren. „Da würde ich dem Nikolas ständig über die Schulter schauen wollen.“

Deshalb also Sehestedt. Nun stellte sich allerdings heraus, dass das typische Landleben doch ein bisschen anders ist als das Wohnen auf Sylt. Zum Beispiel ist die Nachbarschaft nun deutlich enger, es wird füreinander mitgekocht und mitgebacken. Wer das vergangene Vierteljahrhundert zwischen zwei meist unbewohnten Zweitwohnungsresidenzen gelebt hat, der muss sich auch daran erst einmal gewöhnen. Reiber bringt das Dorfleben zum Schwärmen, der Austausch, die enge Nachbarschaft. „Ich wurde auch schon zum Seniorenkaffee des DRK eingeladen“, erzählt Reiber und lacht ein bisschen. Sie habe dort dann Kaffee ausgeschenkt, es sei nett gewesen. Außerdem liest sie sich gerade in die politischen Themen der Gemeinde ein und tauscht sich mit der dortigen ehrenamtlichen Bürgermeisterin Rita Koop aus. „Ich wurde auch schon gefragt, ob ich ihr Amt nicht übernehmen kann, wenn sie mal nicht mehr will“. Ausschließen würde Reiber auch das nicht: „Bürgermeisterin ist ein Job, den ich kann und der mir Freude bereitet. Warum sollte ich das also nicht auch in Sehestedt werden.“ Politisch scheint es nach Reibers Schilderungen auch deutlich entspannter zuzugehen als in der Gemeinde Sylt. Wenn sie die einvernehmlichen, friedlichen Sitzungen beschreibt, erinnert das eher an Kommunalpolitik wie in Kampen.

Das neue Zuhause am Kanal hat ihr Ehemann gebaut, „aus Liebe, genauso, wie ich es mir vorgestellt habe“, erzählt Reiber und wirkt beim Thema Ehemann zum ersten Mal vollkommen gelöst. Mit den Bullaugen, metallenen Treppengeländern und rot-blauer Farbgebung harmoniert die Einrichtung des Hauses mit den riesigen Containerschiffen, die im Kanal vorbeiziehen. Für die Schiffe kann sich Reiber schwer begeistern. „Es haben viele von der Insel nicht verstanden, warum ich gegangen bin. Wenn sie mich hier besucht haben, und die Schiffe vorbei ziehen sehen, dann können sie es besser nachvollziehen.“ Sagt es und schaut einem der Pötte hinterher, der gerade vorbei kommt. Voll auf Kurs. „Man muss auch mal lernen“, sagt Petra Reiber da, „dass im Leben nicht alles reibungslos läuft. Da muss man Dinge einfach auf sich zukommen lassen.“

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