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Landeszeitung

23. November 2017 | 19:55 Uhr

Missbrauch : Pastorin überlebt Kinderhölle

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Was der Missbrauch von Kindern für die Betroffenen bedeutet, vermag man sich kaum vorzustellen. Pastorin Susanne Jensen, die vom Kleinstkindalter an vom ihrem Vater missbraucht worden ist, versucht genau das deutlich zu machen.

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erstellt am 10.Apr.2014 | 06:00 Uhr

Susanne Jensen ist eine Pastorin, die aus der Rolle fällt. Die Theologin ist kahl rasiert, ihre Arme sind bedeckt mit Tätowierungen und sie trägt ein Hundehalsband. Mit ihrem Aussehen will die Seelsorgerin provozieren. Sie gestaltet ihren Körper, um auf ihre Geschichte aufmerksam zu machen. Denn die 50-Jährige aus Owschlag ist vom Kleinstkindalter an von ihrem Vater sexuell missbraucht worden. Den Kopf hat sie sich zum Beispiel geschoren, weil ihr Peiniger sie damals immer an den Haaren zog.

„Für mich war das Leben verdunkelt“, sagt Susanne Jensen, „weil sich meine gesamte Kindheit wie Karfreitag angefühlt hat.“ Doch die „Missbrauchsüberlebende“, wie sie sich nennt, wollte nicht, dass jeder Tag überschattet bleibt durch die Gewalt, die sie erleben musste. „Den Mut zu haben, mit Gesicht und Namen an die Öffentlichkeit zu gehen, und das als Pastorin, das ist ein schwerer Entschluss gewesen.“ Aber sie will anderen Menschen helfen. „Ich stehe mit dem, was mir geschehen ist, nicht allein. Schweren Missbrauch erleben so viele.“ Die Dunkelziffer sei hoch. „Wir sind eine Legion.“ Die „Seelenbeschädigung“ heile zwar nicht. „Aber ich habe meinen Weg aus der Ohmacht, Verzweiflung, Scham und dem Selbsthass gefunden.“

Um ihr persönliches Kinderhöllenlabyrinth aufzuarbeiten, schreibt die Pastorin Texte und gestaltet Kunstwerke. „Wenn ich mit Malen, Sägen, Formen fertig bin, kann ich auf ein Stück Lebensgeschichte schauen“. Die Bilder und Skulpturen seien Momentaufnahmen eines langen Befreiungsprozesses. Unter dem Titel „Kunst und Glaube“ zeigt die Theologin, die in wechselnden Gemeinden im Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde Vertretungsdienste übernimmt, eine Auswahl ihrer Arbeiten in einer Abendveranstaltung am Freitag, 9. Mai, im Kolonistenhof in Neu Duvenstedt. Sie wird erzählen, wie die Kunstwerke entstanden sind, „und was mich inspiriert hat.“

Erstmals hat sich die Pastorin auf der Kanzel einer Kirche im Berliner Stadtteil Kreuzberg im Sommer 2010 geoutet. Dort schilderte sie den Missbrauch und die Folgen. Als sie gerade zwei Jahre alt war, verging sich ihr Vater zum ersten Mal an ihr. Ihr Martyrium dauerte viele Jahre. Bei der Einschulung begann das Mädchen zu verstehen, dass etwas nicht stimmte – dass es anders war als die Klassenkameradinnen. Mit zwölf wurde sie von einem Fremden im Park vergewaltigt – einmal Opfer, immer Opfer. Drei Selbstmordversuche hatte sie damals bereits hinter sich. Die Übergriffe verdrängte sie zunächst total.

Im Jahr 2000 folgten der Zusammenbruch, mehrere Klinikaufenthalte und eine Traumatherapie. Susanne Jensen trank, verletzte sich mit brennenden Zigaretten. Ihre Krankheit heißt Borderline-Störung – Folge des frühen Traumas. Die Sucht hat sie überwunden. Seit über zehn Jahren ist die Künstlerin trockene Alkoholikerin und hat auch aufgehört, sich mutwillig zu verletzen. Ihr Vater ist schon seit 17 Jahren tot.

„Ohne meinen Glauben hätte ich nicht überlebt.“ Die Pastorin ist sich sicher, „dass auch in den schrecklichsten Zeiten Gott mit mir in dem Drecksloch gesessen, gelitten und geweint hat“. Durch ihre Kunstwerke will die Geistliche zeigen, wie innere Kräfte geweckt werden können. „Wie kann man als Mensch, der viel Leid erfahren hat, dem Leben noch etwas abgewinnen?“ Susanne Jensen weiß auf diese schwierige Frage eine Antwort.

 

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