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Begegnungen : Ostern 1945 in Jevenstedt das Paradies gefunden

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Aus der Redaktion der Landeszeitung

Berührende Begegnungen: Dietlinde Bonnlander kam als 14-Jährige in einem Treck in die Gemeinde. Knapp 70 Jahre danach stattet die in Tirol lebende Künstlerin dem Dorf einen Dankes-Besuch ab.

shz.de von
erstellt am 26.Okt.2013 | 06:00 Uhr

Rita Mursch war fünfeinhalb Jahre alt, als am Ostersonntag 1945 ein Treck mit 190 Menschen, Fuhrwerken, einem Traktor und 27 Pferden das Dorf erreichte. „Ich sehe den langen Zug mit Planwagen noch auf der Straße stehen“, erinnert sich die Jevenstedterin. Das kleine Mädchen saß damals am Fenster des Gasthofs Sibbert (später: „Zur Post“), der ihren Großeltern gehörte, und bestaunte das Leben und Treiben in Zeiten des ausgehenden 2. Weltkrieges.

Dietlinde Bonnlander war 14 Jahre alt, als sie mit dem Gutstreck aus Fritzow (Kreis Cammin) auf der Flucht vor der näher rückenden Front für ein paar Tage nach Jevenstedt gelangte. Das junge Mädchen musste den grausamen Verlust der Heimat in Hinterpommern und die Schwierigkeiten des Weges mit Krankheit und Mangel verkraften. Die 14-Jährige vertraute das Erlebte einem Tagebuch an, das später in Vergessenheit geriet und erst 50 Jahre später (Dietlinde Bonnlander lebt als Malerin und Dichterin in Tirol) ihr wieder in die Hände fiel.

Rita Mursch und Dietlinde Bonnlander stehen sich jetzt, mehr als 68 Jahre später, zum ersten Mal in Jevenstedt gegenüber – und tauschen sofort Erinnerungen aus, die jede für sich gemacht hat. Durch ihre Schwester, die in Boostedt bei Neumünster lebt, hatte Mursch schon vor einiger Zeit ein Manuskript erhalten, in dem die Gemeinde Jevenstedt besonders erwähnt wird. Unter dem Titel „Ich schreibe Dir – Aus dem Fluchttagebuch einer Vierzehnjährigen“ hat Dietlinde Bonnlander ihre Tagebuch-Eintragung im Abstand eines halben Jahrhunderts nach Kriegsende betrachtet.

„Das zu lesen, hat mich unglaublich bewegt“, sagt Rita Mursch. Aufgeregt sitzt sie deshalb in der ersten Reihe, als die 82-jährige Autorin im Jevenstedter Amtshaus aus ihren Erinnerungen und Gedichten liest. Mehr als 80 Einwohner füllen den Veranstaltungsraum an diesem Abend. Und viele gehen nach schnell vergangenen Stunden wenn auch nicht aufgeregt, dann doch angeregt nach Hause. Verschüttete Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegsjahre sind freigelegt worden und sorgen noch bis in die Nacht hinein für lebhafte Gespräche, wie Jevenstedts Bürgermeister Dieter Backhaus berichtet. „So etwas habe ich noch nicht erlebt, die Leute sind aufgestanden und haben erzählt“, sagt Backhaus.

Dabei ist es nicht die Last der schlechten Zeiten, die für Dietlinde Bonnlander im Vordergrund steht, sondern das Gute, das sie in diesen bösen Tagen erlebt hat.

Immer mehr Kranke hatten wir, immer öfter hohes Fieber, sehr ernste Zustände. . . Ein elendes Häuflein Menschen und Tiere schob sich durch diese ebenso elende Stadt nach Norden. Trümmer, Kälte, Regen – und Ostern.

So schilderte Dietlinde Bonnländer die Situation nach dem Aufbruch des Trecks von Neumünster-Brachfeld, wo die Flüchtlinge am Ostersonnabend kaum offene Türen und helfende Hände fanden. Wo die meisten von ihnen bei strömendem Regen auf ihren Wagen übernachten mussten.

Heinrich Möller war sieben Jahre alt, als die Heimatvertriebenen in großer Zahl ins Dorf kamen. Sein Großvater Claus Möller organisierte als stellvertretender Amtsvorsteher die Unterbringung und Versorgung des Gutstrecks aus Hinterpommern, mit dem Dietlinde Bonnlander nach Schleswig-Holstein gelangte. Auch nach beinahe sieben Jahrzehnten hat die 82-Jährige noch das Gebäude, in dem sie und ihre Familie freundliche Aufnahme fanden, vor ihrem inneren Auge: Das lang gestreckte Backsteinhaus, Itzehoer Chaussee 50.

Hier in ihrer gemütlichen Stube haben Heinrich Möller und seine Frau Ingrid die Besucherin aus Tirol mit Begleitung wieder willkommen geheißen. Dietlinde Bonnländer freut sich am meisten darüber, dass sie noch einmal dafür Danke sagen kann: „Damals an dem Abend, als wir nach Jevenstedt gekommen waren wie in ein Paradies.“ Jeder Kranke habe sein Bett bekommen. Es gab geheizte Räume, warme Verpflegung, die Möglichkeit die Kleidung zu trocknen und „uns selbst zu waschen“.

Im Gedächtnis von Dietlinde Bonnlander ist keiner von den guten Geistern vergessen. Daher hat sie in ihrem Buch geschrieben: „Von Herzen bedaure ich (...), dass ich damals Ihren Namen nicht in mein Tagebuch geschrieben habe.“ Andreas Jensen war der Bäcker in Jevenstedt, dem die 14-Jährige einen großen Abschnitt in ihrem Tagebuch eingeräumt hat und dem die heute 82-Jährige ein Denkmal setzen möchte:

In Jevenstedt ist der 2. April, der Ostermontag, dem Bäcker gewidmet, der an diesem Tag ausschließlich für die Flüchtlinge in seiner Backstube tätig war. Zuerst backte er Brot für uns, und hier ist das Weißbrot hervorzuheben, das unseren Kranken so gut bekam und damals schon zu den Raritäten gehörte. Und dann der Streuselkuchen, für den die Bauern die Zutaten gespendet hatten. Ein Gedicht von einem Kuchen war das, Herr Bäcker von Jevenstedt. Ich danke Ihnen noch heute im Namen aller Fritzower, auch dafür, dass Sie sich überwunden haben, in der Backstube für unsere nasse Wäsche Leinen zu spannen.

Der Jevenstedter Heimatverein hat den Namen des damaligen Bäckers und auch dessen Sohn Jens Jensen ausfindig gemacht, der aus Oldendorf bei Itzehoe zur Lesung nach Jevenstedt gekommen war. Dietlinde Bonnlander hatte so Gelegenheit, seinen Teil der Familien-Geschichte zu hören und dem Bäckersohn ihren Dank und ein ganz wunderbares Vater-Bild zu übermitteln.

Den Duft der Backstube schnuppert die 82-Jährige dann am nächsten Morgen bei ihrem Besuch in der Bäckerei Grimm, Dorfstraße 11, wo heute Hans Arne Grimm täglich frisches Brot, Brötchen und Kuchen backt. Der junge Bäckermeister und Senior Hans-Richard Grimm begrüßen die Besucherin herzlich in den Räumen, die der 14-Jährigen Ostern 1945 wie das Paradies erschienen. Der Betrieb ist mittlerweile vergrößert, aber sie erinnert sich an die alte Backstube, wo Andreas Jensen extra Wäscheleinen aufzog, damit die Flüchtlinge ihre Kleidung trocknen konnten. Ein alter großer Herd in der Küche nebenan ist noch aus damaliger Zeit übrig geblieben. Nach der sogenannten Schneekatastrophe 1978/79, als er sich als einzig funktionierende Wärmequelle bewährte, habe man ihn behalten, erzählt Hans-Richard Grimm. Für den Gast aus Tirol hat der junge Bäckermeister ein Geschenk vorbereitet, das an die gute Zeit in Jevenstedt erinnern soll: Weißbrot und einen saftigen Streuselkuchen.

„Welche Freude.“ Mit diesen Worten hatte Dietlinde Bonnlander die Einladung aus Jevenstedt begrüßt, berichtet Wilhelm Nickels, der den Kontakt mit der im österreichischen Imst lebenden Künstlerin aufgenommen hatte. Diese Gelegenheit, den Jevenstedtern zu danken, war für die 82-Jährige eine Herzensangelegenheit. Daher hat sie ein großes Geschenk dabei für die Gemeinde, die diese zwei Gedenktage organisiert hatte: „Baum am Fluss“ ist der Titel ihres Bildes (1,40 mal einen Meter), das künftig im Sitzungsraum des Jevenstedter Amtshauses hängend an das denkwürdige Ereignis erinnern wird. Sie schreibt auf der Bildkarte dazu: „Mein Dank an Jevenstedt, den ich nach mehr als 68 Jahren heute überbringen kann. Symbolisch auch im Namen aller seinerzeit notleidenden Zivilpersonen des Krieges, deren trauriger Zug sich auf den Landstraßen Deutschlands dahinschleppte.“

Insgesamt 30 Tage und über rund 600 Kilometer war der Treck im März/April 1945 von Fritzow im damaligen Kreis Cammin (Hinterpommern) unterwegs – bis nach Satrup in Angeln, wo die Flüchtlinge dann ihre Unterkünfte zugewiesen bekamen. Auch dort seien sie gut behandelt worden, weiß Dietlinde Bonnlander – aber „nirgendwo war es wie in Jevenstedt, die Aufnahme dort war einmalig.“

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