Bundesgartenschau in Rathenow : Optische Industrie prägt Rathenow

Beliebtes Motiv: Das alte Küsterhaus mit seinem Fachwerk, das den Krieg überstanden hat, zählt zu den viel fotografierten Sehenswürdigkeiten in Rathenow.
1 von 4
Beliebtes Motiv: Das alte Küsterhaus mit seinem Fachwerk, das den Krieg überstanden hat, zählt zu den viel fotografierten Sehenswürdigkeiten in Rathenow.

Die Bundesgartenschau findet in diesem Jahr auch in Rendsburgs Partnerstadt Rathenow statt.

von
26. Mai 2015, 11:56 Uhr

Die Stirn in Falten gelegt, aber durchaus nicht unfreundlich blickend, empfängt Johann Heinrich August Duncker die Besucher von Rathenow am Bahnhof. Eine Brille trägt er nicht. Allerdings haben seine Erfindungen im 19. Jahrhundert die optische Industrie in Deutschland geprägt. Daher lautet Rathenows Motto zur Bundesgartenschau (Buga) auch „Weitsicht“.

„Daraus erwachsen wichtige Impulse für die Stadtentwicklung“, sagt Bürgermeister Ronald Seeger (CDU) über die Gärtner-Olympiade, die in insgesamt fünf Städten im Havelland stattfindet. Seit dem vergangenen Jahr gibt es beispielsweise eine kühn geschwungene Brücke von der Schwedendamminsel zum Weinberg, den beiden Buga-Standorten in der Stadt. Sie führt über einen Altarm der Havel. Ein anderer Flussarm, der sogenannte Stadtkanal, umfließt die Altstadtinsel mit der Sankt-Marien-Andreas-Kirche. Wasser, eine Insel als Keimzelle und der Status als Garnisonsstadt sind Gemeinsamkeiten mit der Partnerstadt Rendsburg.

Allerdings: Von der Altstadt hat der Zweite Weltkrieg nicht viel übrig gelassen. Auch die Sankt-Marien-Andreas-Kirche wurde zerstört. „1160 wurde die Kirche auf dem heutigen Platz als Romanische Kreuzbasilika errichtet“, ist von den Mitgliedern zum Wiederaufbau bei einer Kirchenführung (11 und 14 Uhr während der Buga) zu erfahren. Dass das Gotteshaus heute wieder mit einem prächtigen Turm und herrlichen Chorfenstern aufwarten kann, hat es dem Förderkreis zu verdanken. Ein Blick ins Innere lohnt sich auch wegen der Ausstellung „Nachbarn“, die an die jüdischen Mitbürger erinnert. 1812 lebten in Rathenow 24 jüdische Familien, 1926 waren es 112. „Stolpersteine“ in der Stein- und Berlinerstraße gedenken an vier von ihnen.

Außerdem machen Fotos zur Kirchengeschichte das Ausmaß der Kriegszerstörungen deutlich. Moderne Wohnblocks prägen heute die Kircheninsel. Kein Wunder, dass das alte Küsterhaus mit seinem Fachwerk zu den viel fotografierten Sehenswürdigkeiten zählt. Wenige Schritte weiter steht das Geburtshaus von Johann Heinrich August Duncker, eben jenes Herren, dessen Büste die Besucher am Bahnhof empfängt. Der Pfarrersohn (1767 geboren) studierte Theologie und übernahm ein Kirchenamt in Rathenow. Auch optisch blickte er durch, befasste sich mit der Glasschleiferei und erhielt 1801 vom preußischen König die Sondergenehmigung zum Betreiben eines Gewerbes.

Das Optikindustriemuseum im Kulturzentrum zeigt 15 000 optische Instrumente – darunter die Vielschleifmaschine, die Duncker konstruiert hatte und sich patentieren ließ. „Sie lieferte gleichmäßig geschliffene Gläser für Lupen, Mikroskope und Brillen“, erfahren die Besucher. Elf Linsen konnten gleichzeitig hergestellt werden und das so präzise, dass die Sehschärfe ganz genau korrigiert werden konnte. Duncker und seine Nachfolger machten Rathenow zur „Stadt der Optik“. 1946 entstanden die Rathenower Optische Werke (ROW), die ab 1972 ein Teilbetrieb des Kombinats VEB Carl Zeiss Jena waren. „Bis 1989 war dieser Betrieb mit zirka 4420 Mitarbeitern alleiniger Hersteller von Brillen in der DDR“, ist in der Stadtgeschichte nachzulesen.

Nach der Wende wurden die ROW in verschiedene Einzelunternehmen privatisiert. Aber ein Optikzentrum ohne Fielmann? Nein, natürlich nicht. 2001 eröffnete der Brillenkönig in der Stadt ein neues Produktions- und Logistikzentrum, das unter dem Namen ROW firmiert. Die Fielmann AG rekonstruierte auch das ehemalige ROW-Verwaltungsgebäude. Das grau-weiße Haus in der Berliner Straße 15 wurde danach Sitz der Stadtverwaltung.

Die Straße ist eine der Hauptachsen der Stadt – breit und von Nachkriegsbauten geprägt. Nein, zum Bummeln lädt sie nicht unbedingt ein. Dann doch lieber zum Weinberg hinaufsteigen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde hier noch Wein angebaut. Jetzt dient das Gelände in Teilen als Friedhof. Efeu wuchert, Giersch grünt und Tausende von Tulpen setzen farbige Akzente. Die Kombination von altem Grün und frisch gesetzten Pflanzen verleiht dem Park eine ganz besondere, manchmal fast märchenhafte Atmosphäre. „Traumhaft“, seufzt eine Besucherin, für die dies das schönste der vielen Buga-Gelände in den fünf Städten ist, und das vom (begehbaren) Bismarckturm mit Trauzimmer gekrönt wird. Über die neue Weinbergbrücke geht es dann in den Optikpark, der 2006 zur Landesgartenschau angelegt wurde. Hier steht auch ein riesiges Brachymedial-Fernrohr, das von dem Rathenower Ingenieur Edwin Rolf von 1949 bis 53 in seinem Garten gebaut wurde. Das technische Denkmal demonstriert: Rathenow ist eine Stadt mit Weitblick.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen