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Landeszeitung

19. August 2017 | 23:05 Uhr

Offene Diskussion über die Kapellen

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Wertvolles Erbe oder schwere Last? / Eine bewusste Entscheidung über die Zukunft der Bauwerke ist gefragt

Ein kleines Dorf, ich halte mit meinem Auto am Straßenrand und lasse die Scheibe runter. „Moin, wo is denn hier de Kapell?“ rufe ich dem Mittsechziger im Blaumann auf Platt zu. „De Kapell? Wi hebbt in uns Dörp keen Fuerwehrkapell.“ antwortet er. „Ick meen, wo is de lütte Kark?“ „Ach so! Helga!“ Er ruft seine Frau dazu. Die kleine Kapelle liegt an Rand des Dorfes, nicht leicht zu erklären und nicht leicht zu finden. Ich weiß nicht, ob diese Begegnung charakteristisch ist, aber ich nehme drei Dinge wahr: 1. Die kleinen Kapellen spielen im Bewußtsein vieler Dorfbewohner eine untergeordnete Rolle. 2. Sie fristen oft ein Nischendasein. 3. Für Kirche sind immer noch zuerst die Frauen zuständig.

Der Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde hat 17 Kapellen, die aus dem Kapellenbauprogramm der Landeskirche in den sechziger Jahre hervorgegangen sind. Das sind mehr als in jedem anderen Kirchenkreis in Schleswig- Holstein. Die Nur-Dach-Kapelle „Zum Guten Hirten“ in Groß Vollstedt, Kirchengemeinde Nortorf, war 1958 der Vorreiter. In ähnlichem Stil entstand zwei Jahre später für 25.000 DM der „Schaapstall“ in Schinkel, Kirchengemeinde Gettorf. Ziel des 1957 gegründeten Kirchbauvereins für Schleswig- Holstein war unter anderem, die Entfernung von zehn und mehr Kilometer bis zur nächsten Kirche im ländlichen Raum zu reduzieren. Viele Menschen hatten kein Auto. So sind 80 Kleinkirchen entstanden. Manche davon förderten die Loslösung der ehemaligen Filialdörfer zu selbständigen Kirchengemeinden.

Ein geflügeltes Wort aus Goethes Faust hat bei den Menschen im ländlichen Raum großes Gewicht: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirbt es um es zu besitzen.“ Einen Hof erbt man nicht und ist dann reich. Ein Hof muss erworben, abbezahlt und ständig bearbeitet und weiterentwickelt werden. Geschwister werden ausbezahlt. Ein Erbe ist Pflicht und Aufgabe. „Erwirb es“ ist ein Imperativ. Das Goethe-Zitat geht weiter:„ Was man nicht nützt, ist eine schwere Last; nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.“ Sind diese Kapellen ein „wertvolles Erbe“ oder sind sie „schwere Last“? Sie sind beides. Wo die Kapellen wenig genutzt werden, vermittelt schon der Geruch einen wenig einladenden Eindruck. Ihre klare Gestaltung als Kirchen hat eine multifunktionale Nutzung, zum Beispiel als Dorfgemeinschaftshäuser, erschwert. An manchen Orten blieben sie gepflegt, aber nahezu unverändert und haben etwas Museales. Einige von ihnen wurden bereits aufgegeben. Die Erlöserkirche in Owschlag zeigt, wie eine gelungene Modernisierung aussehen kann. Aber sie ist das einzige Kirchgebäude dieser Gemeinde und entsprechend gut können Engagement und Finanzkraft gebündelt werden. In vielen Gemeinden laufen die Kapellen nach meinem Eindruck „auf Sparflamme“ mit. Im Zentrum steht die „Mutterkirche“.

Nun bräuchte es eine bewusste Entscheidung für oder gegen die Kapellen. „Was man nicht nützt, ist eine schwere Last.“ Manche Gemeinde kommt mit der Baulast an die Grenze ihrer finanziellen Handlungsfähigkeit. Ein Gottesdienst im Monat mit 15 BesucherInnen und dazu ein oder zwei Beerdigungen fällt unter die Kategorie Was man nicht nützt. Die realen Kosten für Raumnutzung pro Person möchte man hier nicht ausrechnen.

„Wir brauchen eine Bündelung aller Kräfte“, hat Bischofsvertreter Gothart Magaard in dieser Zeitung im August mit Blick auf den demographischen Wandel gesagt und „Es darf nicht sein, dass wir uns aus der Fläche zurückziehen.“ Diese scheinbar widersprüchlichen Aussagen bedürfen im Hinblick auf die Kapellen einer Ergänzung. Das Aufgeben einer Kapelle ist nicht gleichbedeutend mit dem Rückzug aus der Fläche. Schon heute sind viele Pastorinnen und Pastoren mit Gottesdiensten auf Bauernhöfen, in Feuerwehrgerätehäusern und Festzelten zu Gast. Für viele Gottesdienstbesucher ist hier die Schwelle viel niedriger als zu einem Kirchgebäude und sie feiern gerne mit.
Unsere Kapellen brauchen eine differenzierte Betrachtung. Den Wert jeder Einzelnen für das Leben der jeweiligen Kirchengemeinde kann man nur vor Ort und in breiter Beteiligung erheben. Nach meinem Eindruck überfordert die Entscheidung für oder gegen ein Gebäude derzeit viele Kirchengemeinderäte. Dabei geht es auch um das Gefühl des Schuldigwerdens, das mit der Aufgabe von Kapellen verbunden wäre. Diese Entscheidung muss daher aus ihrer individuellen Verengung gelöst und in den größeren Kontext des gesellschaftlichen Wandels gestellt werden, von dem auch unsere Kirche betroffen ist. Es bräuchte ein Signal der Entlastung von kirchenleitender Seite in dem Sinne: Es ist keine Schande, wenn ihr die Entscheidung eurer Väter und Mütter zurücknehmt und euch mit den Predigtstätten am heutigen Bedarf ausrichtet. Die Trennung von einer Kapelle ist nicht der Untergang des christlichen Abendlandes. Für die Präsenz in der Fläche sorgen wir anders. 1960 hat die Synode mit ihrem Förderprogramm einen Startschuss gegeben. Jetzt bräuchte es wieder ein solches Zeichen. Wer das Erbe annehmen und die vorhandene Kapelle statt „weiter so“ als innovativen kirchlichen Ort nutzen will, braucht dafür logistische Unterstützung. Wer den Mut zum Rückzug aufbringt, benötigt Unterstützung bei der Klärung von Architektenrechten, Denkmalschutz, Entwidmung und beim Verkauf. Ein landeskirchliches Kapellenprogramm, logistische und punktuelle finanzielle Unterstützung für die, die eine bewusste Entscheidung vollziehen wollen, wäre ein guter Impuls. In jedem Fall aber brauchen wir eine offene Diskussion über dieses Erbe.

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erstellt am 22.Okt.2013 | 00:33 Uhr

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