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Mörel im Kreis Rendsburg-Eckernförde : Ochsenherde rettet Wildschwein-Baby vor den Jägern

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Bei dem Anblick wird selbst ein erfahrener Jäger sentimental. Ein Wildschwein hat Ochsen als Ersatz-Familie gefunden.

shz.de von
erstellt am 27.Okt.2015 | 06:00 Uhr

Mörel | Schwein gehabt! Ein verwaistes Wildschwein hat mit Erfolg Anschluss bei einer Rinderherde in der Möreler Feldmark gefunden. Die Ochsen von Hobby-Landwirt Dirk Reese haben den etwa ein Jahr alten weiblichen Überläufer anstandslos adoptiert. Ex-Bürgermeister Reimer Tank schaut jeden Tag zweimal mit einem Eimer voller Maiskörner vorbei, um das junge Wildschwein aufzupäppeln – und sich an dem Anblick dieser ungewöhnlichen Lebensgemeinschaft zu erfreuen. Denn das Leben des Mini-Wildschweins hätte ganz anders enden können.

Reimer Tank wollte eigentlich zusammen mit einem Jagdkollegen auf Wildschweinpirsch gehen, um „den einen oder anderen Weihnachtsbraten zu schießen“, als die beiden den Überläufer bei den Ochsen entdeckten. Als Jäger ist der Kreistagsabgeordnete eigentlich an der Dezimierung des regionalen Schwarzwildbestands interessiert. Aber: „Wenn man das sieht, wie das junge Wildschwein hier zwischen den Rindern Schutz sucht, ist das doch ein tolles Bild“, meint Tank, „für uns war sofort klar: Dieser Überläufer muss leben bleiben.“

Nach Auffassung des erfahrenen Jägers ist das Wildschwein für sein Alter zu schmal und etwas unterernährt. „Vielleicht ist es von seiner Rotte nicht akzeptiert worden, weil es zu klein und zu schwach war“, vermutet Tank, „meines Erachtens hat es auch einen ein bisschen zu kurzen Unterkiefer.“ Von seiner selbstgewählten neuen Familie ist das weibliche Borstenvieh hingegen auf Anhieb adoptiert worden. „Man sieht, dass das Wildschwein hier zur Herde gehört und von den Ochsen akzeptiert wird“, vermerkt Tank, „die junge Dame fühlt sich zwischen den Rindern offenbar recht wohl.“

Bei dem Anblick wird selbst ein erfahrener Jäger sentimental. Ein Wildschwein hat Ochsen als Ersatz-Familie gefunden.
Bei dem Anblick wird selbst ein erfahrener Jäger sentimental. Ein Wildschwein hat Ochsen als Ersatz-Familie gefunden. Foto: Kühl
 

Bei seinen Fütterungsbesuchen kann der CDU-Kreispolitiker feststellen, dass das kleine Wildschwein nicht unbedingt ganz unten in der Herdenhierarchie steht: „Gegen die jüngeren Kälber kann sie sich schon durchsetzen.“ Beim Füttern mit Maiskörnern zeigt das Wildschwein keinerlei Scheu. „Das sind sonst Fluchttiere, die einen auf einen Kilometer Entfernung wittern und dann aus dem Weg gehen“, erläutert Tank, „daran, dass es jetzt hier bleibt, sieht man, dass es sich an das Herdenverhalten der Kühe anpasst.“

Dass sich ein Wildschwein, das die Bindung zu seiner Rotte verloren hat, einer Rinderherde anschließt, ist zwar ein ungewöhnliches, aber durchaus mit den natürlichen Instinkten des geselligen Schwarzwilds zu erklärendes Phänomen, so Tank: „Von solchen Fällen hört man ja öfter mal.“ Na ja, so oft nun auch wieder nicht. Im südlichen Niedersachsen gab es unlängst zwei vergleichbare Fälle: 2010 wurde in Waake (Landkreis Göttingen) Frischling „Freddy“ von einer Galloway-Herde, vor einem Monat in Meensen (ebenfalls Landkreis Göttingen) der junge Keiler „Johann“ von Milchkühen adoptiert.

„Freddy“ und „Johann“ – wie soll denn nun das vierbeinige Möreler Findelkind heißen? „Ich bin nicht so dafür, Wildtiere mit Namen zu verniedlichen“, sagt Tank, der sich um den schmächtigen Überläufer sorgt: „Noch bleiben die Rinder ja ein bisschen auf der Weide, aber wenn sie dann in den Stall kommen, muss man sich was ausdenken.“ Als nächstes plant der Jäger erstmal eine farbliche Markierung des Wildschweins. „Damit auch die anderen Jagdreviere wissen, dass dieses Tier tabu ist“, erklärt Tank, „man muss ja nicht jede Kreatur, die frei herumläuft, gleich schießen – dieser Anblick hier ist doch als solcher mehr als wertvoll.“

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