Rendsburg/HÜttener Berge : Obdachlos im Selbstversuch

Manfred Klaar
Manfred Klaar

Junge Erwachsene aus der Region leben freiwillig eine Woche ohne Geld und ohne Dach über dem Kopf. Ein Projekt des Diakonischen Werks.

shz.de von
05. Mai 2015, 12:20 Uhr

Ohne Geld von Alt Duvenstedt auf die Insel Sylt – das haben sich 13 Bundesfreiwillige und Aktive im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) vorgenommen. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen werden freiwillig eine Woche lang obdachlos. Im Zuge eines Seminars des Diakonischen Werkes Schleswig-Holsteins haben sie sich gestern mit Rucksack, Zelt und Schlafsack auf den Weg gemacht. Ohne Geld in der Tasche geht es von Rendsburg nach Wenningstedt auf der Nordseeinsel Sylt. Die Jugendlichen sollen so mit dem Leben und den Problemen von Obdachlosen konfrontiert werden, kündigte Manfred Klaar vom Diakonischen Werk an.

Gestern Mittag trafen sich die Teilnehmer zwischen 16 und 22 Jahren in der Rendsburger Bahnhofsmission, wo sie über die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer informiert wurden. Danach ging es gemeinsam zum Gebrauchtwarenlager der Abfallwirtschaftsgesellschaft auf dem Gelände der ehemaligen Deponie in Alt Duvenstedt. Dort konnten sich die Jugendlichen selbst ein altes Fahrrad herrichten, um sich damit in den nächsten Tagen fortbewegen zu können.

„Neue Perspektiven kennenlernen“, möchte Dominic Graumann. „Zelt und Isomatte sind sonst nicht mein Ding, aber so kann ich ein Bild davon bekommen, wie es ist, ohne Geld auf der Straße leben zu müssen“, sagte der 20-Jährige aus Westerrönfeld. Er ist zurzeit im Bundesfreiwilligendienst in der „Tide“ in Rendsburg und arbeitet in einer Wohngruppe für psychisch kranke Menschen. Es werde wohl schwierig, an sein tägliches Essen zu kommen, vermutet Dominic Graumann. Um Essen zu betteln werde Überwindung kosten, glaubt auch Carola Harder aus Fockbek. Sie leistet ihr FSJ bei der Pflege Lebensnah in Rendsburg. Aber die 20-Jährige zeigte sich überzeugt davon, dass die Gruppe sich gegenseitig helfen werde. „Das Schwierigste wird sein, zu betteln und sich durchzuschnorren“, befürchtet Lennart Buhmann (21). Es sei spannend, sich selbst in die Lage von Obdachlosen zu bringen und damit auch deren Probleme hautnah zu erleben. Der junge Mann aus Westerrönfeld ist seit einem halben Jahr als FSJ-Kraft im Kindergarten in Schuby beschäftigt.

Nachdem alle Fahrräder fahrbereit gemacht waren, ging es nach Bünsdorf, wo auf einer Wiese am Bildungs- und Erholungsheim die Zelte aufgebaut wurden. Heute sollen Gespräche mit Obdachlosen in der Rendsburger Unterkunft geführt werden. Gegessen wird bei der Rendsburger Tafel gegen Mithilfe in der Küche. Am Mittwoch werden die Teilnehmer in der Fußgängerzone betteln und versuchen, auf dem Wochenmarkt Lebensmittel kostenlos zu bekommen. Durch Flaschen sammeln soll Geld beschafft werden. „Wir müssen ja auch mal einen Liter Milch kaufen“, machte Manfred Klaar deutlich.

Am Autozug nach Sylt werden sie sich eine Mitfahrgelegenheit suchen müssen. Als einziges Extra ist ein Smartphone erlaubt. Mit dem sollen die Jugendlichen ausprobieren, wie verlässlich soziale Netzwerke in Notlagen sind. Die Konfrontation mit der Wohnungslosigkeit ist ein Ziel des Seminars. Zugleich soll den Teilnehmern aber auch gezeigt werden, wie man mit wenig Geld klarkommen kann.

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