Rendsburg : NSU-Prozess: Opfer-Anwalt spricht Klartext

Rechtsanwalt Alexander Hoffmann bot seinen Zuhörern in der VHS Rendsburg Einblicke in den NSU-Prozess.
Rechtsanwalt Alexander Hoffmann bot seinen Zuhörern in der VHS Rendsburg Einblicke in den NSU-Prozess.

Der Kieler Rechtsanwalt Alexander Hoffmann kritisiert in Rendsburg die juristische Aufarbeitung der Verbrechen um Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe.

shz.de von
06. September 2018, 16:37 Uhr

Rendsburg | Vor zwei Monaten endete mit dem NSU-Prozess nicht nur eines der wichtigsten Strafverfahren seit der Wiedervereinigung, sondern auch der größte und kostspieligste Prozess, der je in Deutschland gegen Neonazis geführt worden ist. Fünf Personen wurden beschuldigt, beteiligt gewesen zu sein an den Taten der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Dazu zählten Morde an neun Migranten und einem Polizisten, zwei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle.

Der Kieler Rechtsanwalt Alexander Hoffmann, Vertreter der Nebenklage im NSU-Prozess, vermittelte auf Einladung der Rendsburger Volkshochschule und des Ortsverbands der Gewerkschaft Verdi Einblicke in das Verfahren.

In den Räumen der VHS referierte er über den Verlauf, die Urteilsverkündung, Details aus dem Verfahren sowie die Mängel bei der Aufarbeitung der Verbrechen. Der Strafverteidiger und aktive Antifaschist, wie er sich selbst bezeichnet, hatte bei dem Prozess zwei Mandanten aus Köln vertreten, die Opfer bei dem NSU-Sprengstoffanschlag im Jahre 2004 wurden. „Uns ging es nicht ausschließlich darum, besonders hohe Strafen zu erwirken, sondern um Aufklärung“, stellte Hoffmann klar.

„Ermittlungsergebnisse sehr kritisch bewerten“

Immer wieder kritisierte er in seinem Vortrag die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft, die sich früh auf die Drei-Täter-Theorie festgelegt und lokale Netzwerke mit Rechtsextremen sowie Verwicklungen mit Behörden und ihren V-Leuten weitgehend ausgeblendet habe. „Die Ansage sollte sein: Es gibt keinen breiten Nazi-Terrorismus in Deutschland, es gab nur eine kleine Gruppe aus drei Personen, und das Gericht hat das gehalten.“

Vor 20 Zuhörern machte Alexander Hoffmann deutlich: „Wir Vertreter der Nebenklage gehen davon aus, dass es lokale Unterstützer aus anderen Gruppen gab.“ Man müsse die Erfahrungen aus dem NSU-Prozess weitertragen, betonte der Jurist. Man könne sich nicht darauf verlassen, dass staatliche Stellen etwas beobachten oder verhindern.

„Wir müssen zukünftige Ermittlungsergebnisse sehr kritisch bewerten.“ Weiter müsste jeder Einzelne diese Netzwerke im Auge behalten – „und das müssen wir selber, weil wir uns nicht darauf verlassen können, dass das entsprechend von irgendeinem Verfassungsschutz gemeldet wird“, sagte Alexander Hoffmann abschließend.

Über die NSU-Opfer und die Aufarbeitung der Verbrechen informiert noch bis zum 12. September eine Wanderausstellung in der VHS Rendsburger Ring im Niederen Arsenal.

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